Ganz schön pervers

Ein Witz mit langer Tradition: „The Aristocrats“

„The Aristocrats“ ist ein Klassiker, der – Sigmund Freund, ick hör dir trappsen – insbesondere im prüden Amerika extrem bekannt ist. Seit Jahrzehnten wird dieser „Joke“ immer mal wieder von hochkarätigen Stand-Up-Comedians performt, und es gibt ihn in unzähligen Varianten. Aber es ist bei weitem keinen Witz im herkömmlichen Sinne.

Der Legende nach stammt das wandelbare Skript der „Aristocrats“ aus der Zeit der Französischen Revolution, als man die Dekadenz der herrschenden Klasse anprangern wollte. Historische Dokumente gibt es allerdings keine (die Handlung wäre wohl auch nie durch irgendeine Zensur gekommen) und so wurde es nur mündlich tradiert.

Die Herausforderung für den Comedian besteht auch heute noch darin, die abartigste und geschmackloseste Situation heraufzubeschwören, kurz: den widerlichsten und obszönsten Witz zu erzählen.
Dabei wird jedoch nur der mittlere Teil improvisiert, denn der erste und der letzte sind bereits seit Jahrhunderten festgelegt: Am Anfang stellt sich eine Artistenfamilie (also Mutter, Vater, Tochter, Sohn, manchmal Großeltern und oftmals ein Hund) einem Agenten vor und will ihre einstudierte Nummer zeigen. Im Anschluss kommt der Part, der von dem Comedian individuell gefärbt wird, allerdings läuft es immer darauf hinaus, dass moralischen Normen missachtet werden. Nur das gesellschaftlich Verbotene ist erlaubt: Mord, Sadismus, Pädophilie, Inzest, Sodomie, Koprophagie, Nekromanie, usw.
Nachdem die Familie mit ihrer „Nummer“ fertig ist, fragt der angewiderte Agent, unter welchem Namen die Familie denn plane aufzutreten. Daraufhin sagt der Vater: „The Aristocrats!“
… Und dann liegen alle Zuhörer brüllend und sich den Bauch haltend am Boden. (Die Küchenpsychologen unter uns würden diese Reaktion wohl damit erklären, dass man entweder einen seltsamen Humor hat oder Lachen ein emotionales Ventil ist.)

aristokratenflyer

Im Buch von Heiko van der Scherm agieren auch solche Aristokraten, auch seine Protagonisten treiben Unaussprechliches. Im Roman geht es natürlich noch um viel mehr, aber mit der Adaption dieses Themas steht der Regisseur und Autor in einer Reihe mit Robin Williams, Whoopi Goldberg oder Cartman von „South Park“, die ebenfalls Varianten dieses Witzes schon zu besten gegeben haben.

In diesem Sinne – und nur jetzt, da ihr`s wisst – darf man ausnahmsweise behaupten, dass der Roman „Die Aristokraten“ ein ganz schlechter Joke ist 😉

Marion Alexa Müller

Marion Alexa Müller liebt Geschichten mit Anfang, Mitte und Schluss, weiß, dass man den Satzbau nicht neu erfinden sollte, dass bei Adjektiven die Dosis das Gift macht und ist davon überzeugt, dass Anglizismen nicht wirklich Sinn machen. Sie ist Autorin, Illustratorin, Filmchenmacherin, Periplaneta-Chefin und Mitglied der Lesebühne Vision & Wahn.

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