Gedanken an die Dämmerung

Ein Interview aus der Fremde mit Michael Schweßinger

 

Michael Schweßinger war viele Jahre als Autor und später als Verleger in Leipzig aktiv, bevor er für eine Auszeit nach Irland zog. Doch solche Fluchten sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, denn dank Skype und Facebook ist es relativ einfach, mit Vergangenheiten und der alten Heimat Kontakt zu halten – oder aber direkt aus der Fremde seine Zukunft zu gestalten. Seit dem Frühjahr 2013 bereitet Michael Schweßinger nun seine Heimkehr als Künstler vor. Geplant sind zwei neue Auflagen, ein neues Buch sowie eine Lesetour im Herbst.

Mit dem Schriftsteller im Exil sprach Evelyn Marunde.

Michael Schweßinger (“Author”-Aus der Fotosession von Christian Haubold)

Michael Schweßinger (“Author”-Aus der Fotosession von Christian Haubold)

Du bist schon seit zehn Jahren Autor, warst aber auch als Verleger tätig. Wie hat diese Arbeit dein Schreiben verändert?

MS: „2006 war das Jahr, in dem meine ersten beiden Bücher „Gedanken an die Dämmerung“ und „In darkest Leipzig“ erschienen sind. Es war eine berauschende Zeit, in der ich wirklich in jedem Kellerloch gelesen hatte und ich hatte diese Naivität, die wohl allen Debütanten anhaftet. Diese Zeit, wo man noch das Amazon-Ranking verfolgt und sich freut, wenn man unter die 100 000er Marke kommt. Auch wenn ich mit Olli Baglieri schon vor seiner Verlagsgründung befreundet war, war ich zunächst nur Autor bei PaperONE, obwohl wir schon immer mehr familiär, als hierarchisch strukturiert waren. Meine eigentliche Zeit bei PaperONE als Verleger begann dann 2008. Es waren tolle Jahre und ich bin dankbar für die vielen Autoren, die mit uns diese Zeit gestaltet haben, aber natürlich leidet auch die eigene Kreativität, wenn man sich ständig mit fremden Manuskripten herumschlägt. Da kommt literarisch auch so mancher Sondermüll an.“

Nach 2008 wurde es tatsächlich ruhiger um dich, hast du dennoch geschrieben oder pausiert?

MS: „Ich habe eigentlich immer geschrieben, bis auf das erste halbe Jahr in Irland, wo ich jeden Stift gemieden habe. Natürlich bleibt da weniger Zeit und Muse und was mir vor allem fehlte, war die absolut freie Zeit, die nicht begrenzt war, also es funktioniert ja nicht, dass man sich zwei Stunden freinimmt und man sagt sich, ich schreibe jetzt eine gute Story und dann schreibt man eine gute Story. Die Kreativität ist launisch und die meisten Ideen hatte ich wirklich immer bei meiner Arbeit in der Backstube und da war ich immer froh, dass ich im Handwerk beschäftigt war und nicht am Fließband stand, denn zwischen zwei Teigen konnte man schon mal schnell eine Story skizzieren, was ich übrigens auch heute noch mache. Irgendwie gibt es bei mir da eine Verbindung zwischen der Hände Werk und der Gedankenwelt.“

Dennoch hattest Du auch künstlerisch alle Brücken abgebrochen. Deine Bücher waren nicht mehr erhältlich und das Exil hatte einen Hauch von Endgültigkeit. Wie kam es zu dem Sinneswandel und zum Neubeginn als publizierender Autor und Vorleser?

MS: „Eines der Dinge, die ich in Irland schmerzlich vermisst hatte, war die literarische Welt der kleinen Lesebühnen. Vermutlich, weil sie mir vorher so selbstverständlich war. Ich habe gemerkt, wie wichtig mir dieser Austausch mit dem Publikum, diese Lesungen sind und dass ich eben doch ohne die Literatur nicht auskomme, auch wenn ich vor einem Jahr da anderer Meinung war. Wenn eins gewiss ist, dann ist es die Wankelmütigkeit meines Geistes und ich freue mich gerade sehr auf die Tour im Herbst, das wird sehr toll.“

Warum ist der erste Schritt nach der Pause eine Wiederauflage eines deiner ersten Bücher?

MS: „Das hat praktische Gründe, da ich noch mitten in meinem neuen Buch „Vaterland ist abgebrannt“ steckte, als wir uns über unsere Zusammenarbeit einig wurden, da bot es sich gewissermaßen an, dies vorzuziehen. Die beiden Leipzig-Bücher erscheinen ja dann danach in Neuauflage. Ich wollte einen Verlag, der mein gesamtes Schreiben repräsentiert. Als ich Verleger war, hat mich immer der Ausspruch „Wir verlegen keine Bücher, sondern Autoren“ von Siegfried Unseld, dem Verleger von Suhrkamp, beeindruckt. Mein Schreiben ist ein Gesamtkunstwerk mit vielen Facetten und genau das wollte ich haben, einen Verlag, der diesen Weg mitgeht.“

Michael Schweßinger (“Author”-Aus der Fotosession von Christian Haubold)

Michael Schweßinger (“Author”-Aus der Fotosession von Christian Haubold)

„Gedanken an die Dämmerung“ ist eine Sammlung erotischer Kurzgeschichten rund um die SM-Thematik. Die oftmals in diesem Genre vermuteten oberflächlichen Sex-Schilderungen wird der Leser allerdings nicht finden, stattdessen stehen die Gedankengänge der Protagonisten beim Betreten des unbekannten Terrains im Zentrum.

MS: „Für mich standen immer und nicht nur bei dieser Thematik Grenzüberschreitungen im Vordergrund der Betrachtung. Ein Thema, das mich seit meinem Ethnologie-Studium interessiert, sind Übergangsrituale in ihren verschiedensten Ausprägungen. Wie verhalten sich Menschen in Grenzsituationen? Schmerz und Macht sind sehr intensive Grenzerfahrungen, die zwei Menschen sehr stark verbinden können, weil es ein hohes Einfüllungsvermögen von beiden verlangt. Das sind zwei Seiten einer Medaille, eine Reise in unbekannte Gefilde.“

Distanzierst du dich bewusst von klischeebehafteten Erwartungen?

MS: „Wenn ich mir das zurzeit populärste Buch aus diesem Genre ansehe, dann sehe ich in Shades of Grey nicht die Überschreitung, sondern das Zementieren von Sicherheiten im Vordergrund. Es ist ein bürgerlich-kapitalistisches Weltbild, das da hervorschimmert. Reicher Typ trifft  armes Mädchen. Also die Cinderella-Story mit Peitsche gewissermaßen. Überschreitung jedoch ist genau das Gegenteil, es ist die Bereitschaft sich selbst aufs Spiel zu setzen, also sich gewissermaßen zu verlieren, zu verschwenden, auch hat mich an der Thematik immer mehr die psychologisch-philosophische Seite begeistert, als die reine Beschreibung eines sexuellen Akts. Sex hat man einfach. Warum sollte man detailliert beschreiben, wie ein Penis in eine Vagina eindringt? Mir erscheint das zumindest langweilig, aber vielleicht bin ich dafür auch ein wenig zu prüde.“

Die Protagonisten der Erzählungen könnten unterschiedlicher nicht sein: eine Businessfrau, ein devoter Prinz, junge Bäckerei-Azubis. Fällt es dir leicht, dich beim Schreiben in so unterschiedliche Menschen hineinzuversetzen?

MS: „Ja, das finde ich relativ einfach, da ich es da nicht anders handhabe als ein Schauspieler, ich entwerfe einen Plot und spiele das Spiel durch, versetze mich in die Charaktere, bis sie ein Eigenleben entwickeln, bis man selbst diese oder jene Person ist. Natürlich kommt einen bei manchen Storys die Wirklichkeit zu Hilfe, also wenn man Nacht für Nacht berufsmäßig in der Bäckerei steht, dann schreibt sich so eine Story aus der Backstube vom Plot her schon einfacher, auch wenn ich noch in keiner Bäckerei während der Arbeit orgiastische Feste gefeiert habe.“

Was siehst du als Zielpublikum für dieses Buch?

MS: „Darüber mache ich mir keine Gedanken, da ich auch kein konkretes Ziel verfolge, wenn ich schreibe. Ich genieße das, weil ich mir als Verleger, immer den Kopf darüber zerbrochen musste, wen man mit irgendeinem Buch erreichen will. Ich schreibe einfach nur noch, wonach mir ist. That`s it.“

Kann  man weitere derartige Geschichten von dir erwarten oder war es ein einmaliger Ausflug in die Welt der Erotik und des SM?

MS: „Da ich manchmal nicht einmal fünf Minuten vor einer Geschichte sagen kann, dass ich sie so schreiben würde, wie ich sie dann schreibe, kann ich das nicht beurteilen. Wenn mich meine literarische Muse wieder in diese Gefilde führt, dann werde ich darüber schreiben, wenn nicht, dann nicht. Ich gehe da nur nach meiner Intuition. Als ich mir heute mein Sonntags-Guinness in einem Café am Meer genehmigte, beobachtete ich eine fucking sexy Frau, wie sie sich mit leichter Arroganz ein Kuchenstück, das sie auf der Spitze ihrer Gabel drapiert hatte, in ihren gelangweilten Mund schob, bevor sie in kleinen Schlücken von ihrem Kaffee trank. Selbst ihr Gähnen danach war sexy. Mit ihrer Sonnenbrille und ihren rotlackierten Fingern, die hin und wieder durch ihre Locken strichen, könnte sie sicherlich den dominanten Part einer SM-Story abgeben. Ich würde ihr es wünschen, denn sonst wird sie womöglich noch zur Grundlage eines sozialkritischen Gedichts.“

Michael Schweßinger (“Author”-Aus der Fotosession von Christian Haubold)

Michael Schweßinger (“Author”-Aus der Fotosession von Christian Haubold)

Was hat dich eigentlich nach Irland verschlagen?

MS: „Ich habe über Jahre parallel zu meinem Brotberuf als Bäcker die Verlagsarbeit von PaperONE mitgetragen, irgendwie noch meine eigenen Texte geschrieben und hatte noch jede Menge Live-Auftritte, man kommt dann irgendwann in einen hässlichen Kreislauf, der eine Eigendynamik entwickelt. Du rennst von einer Sache zur nächsten, wie ein verdammter Hamster im Laufrad. Dein Körper produziert Endorphine am laufenden Band und dein Schlafpensum liegt bei drei bis vier Stunden am Tag. Das kickt eine zeitlang unglaublich. Man bekommt so ein Superman-Gefühl und drängt alles beiseite, was nicht passt und plötzlich passiert etwas, was du nicht kontrollieren kannst, in meinem Fall war es der plötzliche Tod meines Bruders, der mir erst nach einigen Monaten so richtig bewusst wurde und dann geht erstmal gar nichts mehr. Deine Birne macht ne Vollbremsung von 150% auf Zero in kürzester Zeit. Ich war nicht einmal mehr in der Lage meine Waschmaschine zu verstehen, musste meine Meisterprüfung zwei Tage vor Ende verschieben, weil es mir komplett die emotionalen Sicherungen durchgebrannt hatte. Das was man wohl gemeinhin einen Burn-out nennt. An diesen Punkt kannst du entweder in das Zimmer mit den weißen Wänden gehen oder du nimmst deinen Rucksack und versuchst, deine Birne wieder auf die Reihe zu bekommen. Ich habe mich für Zweiteres entschieden, also dass ich erstmal was anderes sehen muss. Ich bin froh, dass ich noch die nötige Kraft gefunden hatte, diese Entscheidung zu treffen, denn auch wenn man vieles hinterher in das Gewand des Humors kleidet, das war für mich der völlige Tiefpunkt und ich dachte kurz: „Da kommst du nicht mehr raus.“ Ich danke wirklich allen, die mir in dieser Situation geholfen haben.

Dass in Südirland gerade ein deutscher Bäcker gesucht wurde, betrachte ich als Glücksfall, denn nie bin ich mir so gewaltig und schmerzhaft selbst begegnet, als in dieser Zeit. Wo vorher alles ausgefüllt war, jeder Tag verplant, ist plötzlich nur noch Weite und Stille und die handwerkliche Arbeit. Sich selbst zu erfahren in der Verlorenheit dieser menschenleeren Landschaft, das ist eine extrem brutale, aber sehr heilsame Erfahrung und es hat dem deutschen Staat vermutlich eine kostspielige Psychotherapie erspart.“

Du hast also die deutsche Stadt gegen irische Einsamkeit getauscht. Was hat dieser radikale Wechsel mit dir gemacht?

MS: „Wie alle Bruchstellen im Leben, so schimmert auch aus dieser hinterher Selbsterkenntnis empor. Wenn man einmal gnadenlos mit sich selbst konfrontiert war, dann geht man viel gelassener zurück in die Welt. Ich spüre, dass ich lebe, und erfreue mich an unglaublichen Kleinigkeiten. Es muss rein gar nichts passieren, wo vorher immer ein Event auf das andere folgte. Ich schaue mir eine Spinne an, die mit ihrer Beute beschäftigt ist, höre mir über Stunden den Sound der Brandung an. Ich habe wieder gelernt, zu staunen über die Welt und ihre Vielfalt. Das sind unglaublich viele kleine Dinge, die mich verändert haben.“

Wie hat das Leben in Irland deine Tätigkeit als Autor beeinflusst?

MS: „Ich glaube, man kann es an dem speziellen Sound der Texte im neuen Buch »Vaterland ist abgebrannt« hören. Ich kann sagen, dass es ein sehr egoistisches Buch geworden ist, denn nie habe ich mir weniger Gedanken um die Leser gemacht als in dieser Zeit. Ich hatte keine Bühne oder Auftritte, für die ich einen Text fertigstellen musste, da war nur der Kampf mit mir selbst. Wenn ich die Texte lese, dann atmen sie irische Luft und eine Freiheit, die zwischen den Zeilen mitschwingt. Es ist in einer ganz anderen Weise entstanden als der Vorgänger »Stadtapokalypsen«, das ich in unglaublicher metaphorischer Dichte und in einer Zeit tiefer psychischer Bedrängnis fertiggestellt hatte.“

Michael Schweßinger (“Author”-Aus der Fotosession von Christian Haubold)

Michael Schweßinger (“Author”-Aus der Fotosession von Christian Haubold)

Wie sieht deine Zukunft als Autor aus?

MS: „Da mein Autoren-Ich, eines der schwersten zu kalkulierenden Ichs ist, kann ich dass unmöglich sagen. The Future is unwritten.“

Und in welchem Land wirst du zukünftig schreiben?

MS: „Eines der vielen Dinge, die mir Irland beigebracht hat, ist nicht zu viel Zeit an die Zukunft zu verschwenden, von daher weiß ich auch hier keine Antwort, aber da ich spüre, dass sich on the road einfach die besten Storys finden, werden sich wohl noch einige Länder hinzugesellen. “

Eine abschließende Frage an dich als Autor und Verleger: Wie hat sich aus deiner Sicht die Literaturlandschaft in den letzten Jahren entwickelt?

MS: „Da habe ich nur einen kleinen Einblick, der sich hauptsächlich auf die Arbeit bei PaperONE stützt. Mein Gefühl ist, dass der Wert der Literatur zu Gunsten des Entertainments zurückgeht. Für uns war es unglaublich schwierig Autoren, die sich vor Live-Auftritten scheuten, überhaupt noch an den Markt zu bringen. Teilweise waren das sehr gute Schreiber, aber das funktioniert auf kleiner Ebene nicht mehr. Live ist die Devise, und da der Teufel immer mehr dich, als du den Teufel veränderst, merkt man das auch vielen Autoren an, dass sie gefallen wollen. Daran ist nichts Schlimmes, aber ich vermisse ein wenig die eigenen Stimmen, die wirklich etwas zu sagen haben, die das Unbequeme dem Bequemen vorziehen und es auch ertragen können, wenn keiner lacht.“

Ich danke für das Gespräch.

Evelyn
Über

Evelyn Marunde studiert Literatur- und Kulturwissenschaften und Skandinavistik. Sie kam 2013 zunächst als Praktikantin zu Periplaneta und gehört seitdem zum Team. Als Projektmanagerin betreut sie u.a. René Sydow “Deutsche Wortarbeit” und die Projekte von Michael Schweßinger.

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