Mozart: Authentisch und kontrovers

Mozart

Mozart liest aus Gothic Erotic

Mozart, umtriebiger Frontmann von „Umbra et Imago“, kontroverse Szenegröße und streitbarer Freigeist, hat ein Buch geschrieben. Und wenn man, ausgehend von einem leicht abgewandelten Zitat Bilbo Beutlins, zugrunde legt, dass sich auch nur die Hälfte von dem, was er erzählt, auch nur zur Hälfte so zugetragen hat, und dass weniger als die Hälfte davon auch nur halb so spannend beschrieben ist, wie es sein Leben und sein Werk verdienen, dann ist das Buch ein Muss! Und da Mozart nie halbe Sachen macht, darf man sich auf ein wahrhaft fesselndes Leseerlebnis einstellen.

Das Werk mit dem beredten Titel, „Gothic Erotic“, übrigens ebenfalls der programmatische Name eines der Alben von Mozarts Band, umreißt ziemlich genau das, worum es in den Erzählungen mit so pittoresken Überschriften wie „Das Mädchen das den Orgasmus suchte“ oder „Phimose“, zu einem großen Teil geht: Rebellische Phantasie, Ausschweifungen und authentische Erlebnisse aus über zwei Dekaden ganz und gar nicht jugendfreiem Goth`n`Roll mit Sado-Maso-Schlagseite. „Bösartig, sarkastisch und sexistisch“,wie Mozart selbst augenzwinkernd formuliert.

Musikerkollegen, deren Namen hier nicht genannt werden sollen, bekommen genauso ihr Fett weg wie „Halsabschneiderlabels“, mit denen der junge, aufstrebende Musiker ebenfalls seine einschlägigen Erfahrungen machte. Wer dabei nun an eine Art „Feuchtgebiete“ der schwarzen Szene denkt, der wird – gothlob – auf ganzer Linie enttäuscht. Mozarts Sprache allein ist ein besonderes Leseerlebnis, und nie sind deftig-erotische Einzelheiten nur plakativer Selbstzweck. Vielmehr ist, neben der Freude am lebendigen In-Worte-Fassen des Selbsterlebten und Gelebten, immer auch eine angenehm philosophische Attitüde spürbar, die meist um die verantwortungsvolle Freiheit des Einzelnen, wie sie im Idealfall im SM gelebt wird, kreist.

Besonders deutlich wird dies, wenn der Meister selbst nach Karlsruhe zur Lesung in stilvoller Gruft ruft. In typisch entspannt-geistreicher Art plaudert Mozart, in bester Laune und stilgerecht hindrapiert in einen wahren Thronsessel, mit seinen natürlich allesamt schwarzgekleideten, zahlreichen Gästen. Wo Plauderei endet und Lesung beginnt, das will an diesem gewittrigen Abend gar nicht so deutlich werden, denn dem wortvirtuosen Umbra-Mastermind, so gern und gut und wahrhaft fesselnd er zu monologisieren vermag, liegt letztlich der Dialog am düsteren Herzen.

Seine tiefe Liebe zum Literarischen frönte Mozart bereits mit seinem Villon-Hörbuch. Und in seiner kleinen aber feinen, ehemaligen Gothic-SM-Kulturkneipe „Locco Barocco“ in einem Karlsruher Vorort veranstaltete er in rund drei wunderbar lebendigen Jahren etwa 60 Lesungen. Inmitten von so viel Wortkunst, erinnert sich Mozart beim Gespräch im heimischen, gotisch-gemütlichen Wohngemach, „dachte ich: jetzt schreibst auch was“. Vor drei Jahren etwa habe er angefangen, dabei intensiv über sein Leben und seine Vergangenheit nachgedacht: „Irre, was man so alles erlebt“. Dem allzu platten Angebot, einen schwarzgefärbten, publikumswirksamen „Shades of Grey“-Epigonen zu verfassen, widerstand der Autor, ebenso dem Vorschlag, ihm einen Ghostwriter mit Flotte-Schreibe-Feder zur Seite zu stellen. Denn authentisch sollte es werden, sein erstes Buch, 100 Prozent Mozart pur und unverfälscht, und „zu zwei Drittel autobiographisch, zu einem Drittel Märchen“. Wo genau diese Grenze verlaufe, bemerkt Mozart schmunzelnd, das dürfe beim Lesen jeder für sich selbst entscheiden.

Und wie in Mozarts kompromissloser, nur den eigenen Idealen verpflichteten Musik und Songtexten, so atmet auch sein Buch auf unaufdringliche, oft auch humorvolle Weise jene philosophische Grundhaltung jener selbstverantwortlichen Freiheit, in der Epikur sich Kants kategorischen Imperativ vornimmt und gegen die Gehirnwäsche durch 2000 Jahre Kirchengeschichte wettert. Aber zuallererst erzählt Mozart einfach meisterlich. Geschichten, Erzählungen, direkt gespeist aus einem einzigartigen Leben. Was will man mehr?

„Gothic Erotic“ erschien am 11. September bei der Edition Subkultur, in limitierter Erstauflage als Klappenbroschur mit Softtouch-Einband, garniert mit Fotos aus dem Umbra-Archiv.

„Ein Buch für Mozartfans“, betont Mozart, und fügt lachend hinzu: „Und für Mozarthasser ebenso“.

Holger Much

 

 

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