Samuel (Ukulelenprediger): Narrenmund

Eine Lobhudelei

„Narrenmund tut Wahrheit kund“, raunen die Alten und wackeln weise mit ihren Köpfen; und der Narren zur Genüge kennende Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs tippt sich an die Schläfe: „Altweibergewäsch! Narren sind bestenfalls rheinisches Karnevalsgezücht, Quartalsirre also, und da heißt es, lieber weghören, von wegen Wahrheit und so!“
Aber der urbane Besserwisser irrt in diesem Fall und er sieht es auch ein, lauscht er nur dem Narrenmund des Samuel. Der ist ein Berliner Musiker, eine Ein-Mann-Band im besten Wortsinne, und hat 2010 eine CD veröffentlicht, die, soweit ich das überblicken kann, bisher auf viel zu wenig Resonanz gestoßen ist. (Was sicherlich auch mit dem Namenswirrwar zu tun hat, unter dem die frohe Botschaft verkündet wird.*) Das soll sich mit der folgenden Lobhudelei nun ändern:

ukulelenprediger
Glück, Wahrheit, Tod … die Liederliste liest sich wie das Inhaltsverzeichnis einer Philosophie-Einführung. Was nicht das Schlechteste verheißt, aber so seine Stolperfallen bereithalten kann. Doch statt vertonter Küchenphilosophie oder Philosophen-Texte á la Numminens skurriler „Tractatus Suite“ bekommt der Hörer Eigengedachtes und Eigenkomponiertes zu hören, das begeistert. Jenseits aller Genres und Phrasen untermalen beatlastige, mal funkige, mal rockige Klänge lebensweise Texte, deren Schönheit sich durch den Verzicht auf Metaphern- und Fremdwortgewitter ergeben. Wo die Diskurs-Popper von Tocotronic oszillieren und fragmentieren würden, da ist für Samuel Glück manchmal dumm und der Tod schlicht okay. Bisweilen wird esoterisches Vokabular verwendet: Da wird Erleuchtung ersehnt, an Reinkarnation geglaubt, und alles für heilig befunden, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, aber es wird so unaufdringlich, so bedeutungsoffen in die Texte eingestreut, dass es nicht abschreckt, sondern sich einfügt, zum Nachdenken reizt und auch so manchem Hardcore-Atheisten vor sich hersummen lässt, was sonst in der Esoterik-Schublade verschwände.
Die Aufmachung ist minimalistisch, verschiedene Fotos von Samuel, Liedliste, das war‘s auch schon. Zumindest die Texte wären im Booklet aber interessant gewesen, nicht, dass die klare Stimme des Sängers aus dem Hören ein Rätselspaß machen würde. Was soll´s! Die Musik ist grandios, die Texte treffsicher und die Ohrwürmer fressen sich ins Hirn als feierten sie Fastenbrechen.

Fazit: höret und staunet! (Und wackelt weise mit den Köpfen!)

*Samuel ist mit dem Programm „Narrenmund“ in unterschiedlicher Besetzung als Ukulelenprediger  unterwegs. Live vermag Samuel selbst allein (oder wie in diesem Video als Duo mit Gero Kunisch am Kontrabass) mit einer Ukulele und einer Schelle am Bein jede Bühne und jedes Publikum nachhaltig zu rocken… Und eigentlich müssten zumindest die Gothics ja „Totsein ist okay“ längst als Hymne auserkoren haben.

http://www.luchtenbeck.de

Micha Tietz

Michas Geburt fand in Berlin statt, sein weiteres Leben auch. Schon in jungen Jahren wollte er die Welt retten, worauf die Welt allerdings weder gewartet hatte noch angewiesen war. Dennoch folgte ein Studium der Philosophie, Geschichte und Germanistik. Deshalb weiß Micha jetzt mehr als die meisten anderen, was allerdings bei diversen lebenserhaltenden Maßnahmen bekannterweise eher hinderlich ist. Falls Micha einmal nicht für Periplaneta und Subkultur aufopferungsvolle Kulturarbeit leistet, hilft er alten Leuten, noch älter zu werden oder kümmert sich um Frau und Kind oder er studiert noch irgendetwas, was ihn dann noch schlauer macht. Micha Tietz ist Projektmanager, Lektor und Redakteur bei Subkultur seit Januar 2013.

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