Wider die Masse: „Fickt das System“

Der folgende Texte war eigentlich für ein anderes Magazin gedacht.  Auch die Vorgabe, über einen markigen Spruch zu referieren. Allerdings wollte man es in dieser Form dann doch nicht drucken. Dies ist also eine unzensierte Fassung 🙂 Eine zensierte wird es nicht geben.

Was denn?? Gibt es jemand, der nicht über 40 ist, der diesen Anarcho-Slogan noch kennt? Fickt das System!“ Ups. Selbst die alten Säcke schreien schon „Sexist“. Tschuldigung. Wir sind kurz davor, das man sogar diesen Spruch stigmatisiert. Ich glaube, bei Facebook kann man ihn gar nicht mehr ohne *** schreiben. Bei unserem Online Dealer für alles (außer Sexpillen) auch nicht. Beeilen wir uns also. Solange wir noch können. Denn noch nie war die Fuckability des Systems so hoch wie im Moment.

Früher (jetzt hab ich das böse F-Wort doch gesagt) … da war dieser Spruch eine überspitzte Antwort auf ein einheitliches Korsett, das Mensch nur erlaubte, nach unten zu treten und nach oben zu beten. Wer sich davon befreite, musste mit Liebesentzug rechnen und mit einem rauen Wind. Mensch musste auf Komfort verzichten und ging eben auf ein paar grundlegende Deals nicht ein. Die Menschen, denen man keine Angst vor Morgen einreden konnte und keine Gier, wurden damals noch stigmatisiert. Mir hat das System noch kackfrech ins Gesicht gesagt, dass ich, wenn ich drei Mal den Arbeitgeber wechsle, auf dem Arbeitsmarkt verbrannt sei. Mir wurde gesagt, wenn ich nicht ans Alter denke, dann werde ich arm sterben. Wenn ich nicht mache, was man mir sagt … und wenn … und dann …

Mittlerweile wissen wir, dass wir alle spätestens mit 70 arm sein werden. Sie haben selbst die Ängstlichsten und Gierigsten um ihre Pfründe betrogen. Vom Gerafften und Erarbeiteten wird nichts übrigbleiben. Was die leeren Versprechen der Anlageberater und die Zwangsabgaben und die Steuern und … und … und… nicht aufgefressen haben werden, das wird der Krebs, die Demenz und die Inflation auffressen. Auch wenn die Priester unserer Zeit ständig etwas anderes erzählen.

Die Freaks waren einst frei. Sie haben drauf geschissen. Aber mittlerweile hängen sie am selben Meinungs-Tropf, wie alle anderen auch. Sie protestieren nur, wenn die Almosen gekürzt werden. Warum sonst haben die skrupellosesten Volksverdreher und die korruptesten Meinungsmacher aller Zeiten es geschafft, dass sich „die da unten“ mittlerweile gegenseitig die Fresse einhauen, anstatt gegen ständig steigende Zwangsabgaben, Kollektiv-Enteignungen, Aushöhlung des Bildungssystems, die emsige Kriegstreiberei, die totale Überwachung und den Ausverkauf unserer Existenzgrundlagen zu protestieren? Oder eben das System zu … na, ihr wisst schon.

Stattdessen ergießen wir uns in kruden Wertedebatten, obsoleten Genderdiskussionen und die Einordnung aller deutschen Menschen in Nazis und Gutmenschen. Es gibt offensichtlich nur noch die Möglichkeit, entweder mit den Schafen zu blöken oder mit den Wölfen zu heulen. Etwas anderes gibt es nicht mehr.

Die Volksverdreher gehen zu den Diktatoren, schütteln Hände, an denen Blut klebt und sprechen dabei die Menschenrechte an. Sie schütten den Massenmördern und Despoten frisch gedruckte Euroscheine in die Tresore, damit sie die Heimatlosen aller kaputtgespielten Länder dort in Ruhe verhungern lassen können, sobald sie kein Wirtschaftsfaktor mehr darstellen. Damit die Selbstreflexion der Selbstgerechten ja keine Risse bekommt. Denn es wird Geld verdient mit dem Elend der Anderen. Unfassbar viel Geld. Mit der Zerstörung der Länder ebenso, wie mit dem Morden, wie mit der Odyssee der Überlebenden … Unfassbar viel Geld.

Während sich also die Masse für 17 EURO monatlich pro Haushalt mit Geschwafel und Propaganda das Resthirn weichkochen lässt und ein paar Gestörte es sich gegenseitig rausprügeln, das Resthirn, arbeiten sich ein paar hoffnungslose Gutmenschen sinnlos auf. Räumen unseren Müll weg, trösten die Geschundenen, speisen die Armen und diejenigen, die morgen unseren Müll wegräumen werden, nicht wissend, dass sie alle auch nur dem System dienen.

Wie zynisch muss man sein, um das alles zu ertragen?

Nicht das Vaterland ist der Feind oder die Heimat oder die Frakturschrift. Es ist die Litanei vom ewigen Wachstum und vom ewigen Mehr. Vom endlosen Futter für die Satten.

Nicht die Muttersprache ist in Gefahr oder die christlichen Werte oder die Unschuld der dreizehnjährigen Bitch im Kinderzimmer nebenan. Sondern unser aufgeklärtes, wissenschaftlich orientiertes, fragiles Konstrukt von Freiheit, Kultur und Fortschritt. Egal wer den gegenwärtigen Krieg gewinnt, wenn der zu Ende ist, wird die Erde wieder eine Scheibe sein. Und die Überlebenden dumm wie Toastbrot.

Mensch soll wieder selber denken. Keine Fahnen schwenken. Keine Meinung machen, keine Meinung schlucken. Vielleicht auch mal selbst eine eigene Meinung haben. Und praktizieren, anstatt zu predigen. Die andern am Machen messen, nicht am Haben.

Fickt das System!“ ist also nicht die Aufforderung zum Geschlechtsakt, sondern die Aufforderung, sich nicht länger ficken zu lassen.

Thomas Manegold
(www.manegold.de)

 

Thomas Manegold

Thomas Manegold. Producer, Admin und VisdP bei Subkultur und beim Periplaneta Verlag. Mitglied der Lesebühnen OWUL und VISION & WAHN, www.manegold.de

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