Wider die Masse: Ostern

owul

Ich liebe die Zeit “zwischen den Jahren”. Sie bedeutet für mich Einkehr, Ruhe und Frieden.
Zwischen dem 24.12. und der ersten Kalenderwoche eines jeden neuen Jahres knockt sich die Welt um mich herum aus, erholt sich vom Konsumrausch, betrinkt sich final – und nüchtert wieder aus. In dieser Zeit kann man unglaublich viel schaffen, weil keiner anruft, alle ihre Familienbande flicken und niemand auf die Idee kommt …
Doch halt, wäre da nicht immer die Frage, warum man sich dem Wahnsinn freiwillig entzieht …

Ich liebe vegetarisches Essen und koche gern vegan. Es ist gesund. Und es macht Spaß. Wären da nicht immer wieder die selbsternannten Gutmenschen, die Dich für ihren Feldzug gegen die Fleischfresser einspannen wollen. Und wären da nicht die Fleischfresser, die sich immer angepisst fühlen, wenn man kein Fleisch ist. Du kannst Dir oral zufügen was Du willst und es kräht kein Hahn danach. Isst Du Pflanzen, musst Du Dich rechtfertigen, Witze ertragen und schlussendlich einer Armee beitreten.

Ich liebe meine Arbeit und bin gern bereit wirklich alles zu geben. Mich auszubeuten ist mir ein Bedürfnis, solange ich selbst entscheiden kann, wofür ich mich wie krumm mache. Wären da nicht die Spielverderber, die nehmen, was sie kriegen können und diejenigen, die mir immer wieder sagen, dass dieses 24/7 Ding einfach nicht normal sei.
Das weiß ich doch selbst. Brennen ist abnorm. Und gefährlich, weil der Brennende keine Kompromisse kennt, mitunter andere entzündet und auch mal kämpft und um sich schlägt, wenn jemand mit dem Feuerlöscher kommt.

Ich liebe die Zeit, wenn die Welt wieder grün wird, wenn die Sonne die Gemüter wieder anheizt und sich die Menschen wieder an die wichtigen Dinge im Leben erinnern, ans Grillen und ans Vögeln. Und ich liebe es, hinzuschauen, wenn die Frauen plötzlich weniger anhaben und wieder aufrecht gehen lernen, wenn meine Umwelt wieder auflebt, die guten Vorsätze Vorsätze sein lässt und für ein paar Wochen einfach lebt …
Wären da nicht die Hasenverehrerer und Eierverstecker, die erneut zum Sturm auf die Familien blasen und etwas zu feiern vorgeben… dich argwöhnisch beäugen, weil man zugibt, dass mans nicht versteht, dass man diese blöden Schokoeier nicht essen will, dass man Hasenbraten einfach nicht mag. Außer vielleicht Karfreitag. Karfreitag ist der einzige Tag, an dem ich Fleisch essen würde. Aber nur in einer katholischen Gegend auf einem öffentlichen Platz.

Folter, Kreuzigung, Auferstehung… und dann weiter, immer weiter, bis sich alle wieder an den Trott gewöhnt haben, sich wieder hassen und den Sommer zu heiß oder zu kalt finden. Sich leben und einspannen lassen. Sich auf den Urlaub freuen, weil der Alltag, der ihnen auferlegt wird, unerträglich scheint. Die Nachplappern, was die Meinungsindustrie produziert und dann, wenn es wieder kalt wird, einmal mehr Buse tun unterm abgesägten Baum.

Wer schulpflichtige Kinder hat, muss im August wegfahren. Und sollte jetzt Buchen. Waldspaziergänge kommen wegen der aus dem Ausland eingeschleppten Borellien nicht mehr in Frage. Aber Ägypten ist gerade richtig billig und auch bei den ausgehungerten Griechen passt das Preis Leistungsverhältnis ziemlich gut, ist zwar nicht ganz so preisgünstig, wie bei den Kameltreibern, dafür sind die Zäune auch nicht ganz so hoch, die Deine Armut von deren Armut trennen. Und das Geld bleibt schließlich in der Familie. Gehört eh alles längst uns, also denen da oben. Griechenland ist Kolonialurlaub 2.0, für alle, die sich Malle nicht mehr leisten können oder Angst vor Aids haben. Denn es sind ja die Affen, die die Menschen anstecken, nicht die Ziegen. Haben sie zumindest im Fernsehen gesagt.

Und ja, ich weiß, man darf sowas nicht sagen, und nein, ich bin kein Nazi und ja, der Sarkasmus als letzte Panzerfaust gegen Ignoranz ist vollkommen legitime Kriegsführung. Nein sie ist nicht ganz so politisch korrekt, wie der Dronenkrieg, aber das einzige Mittel in einer Welt, in der die Satire längst ein Sedativum ist. Und nicht mehr weh tun darf. In einer Welt, in der ein Independent Verlag an den Rand seiner Existenz geklagt wird, weil der sich über eine lächerliche Fernsehserie lustig macht. Dabei wäre Wanderhure ein Euphemismus für das, was hier jeder ertragen muss, wenn er an einen vermeintlich lebenserhaltenden Tropf angeschlossen werden will.

Ich würde auch lieber in einer Welt leben, in der es etwas ganz Natürliches ist, die Wahrheit zu sagen und sich exzessiv für eine Sache einzusetzen, von der man überzeugt ist. In der alle machen, oder in der zumindest Machen und Labern in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen …  eine Welt, in der man dem anderen den Triumph neidlos zugestehen darf, ohne gleich als schwach oder naiv zu gelten und in der man auch scheitern darf, ohne sich zum Gespött zu machen. In der man sich nicht rechtfertigen muss, wenn man eben nicht über Leichen geht. In der man sich nicht automatisch die Menschen zum Feind macht, deren Meinung man nicht teilt. Und in der man seine Meinung ändern und Fehler machen darf.

Aber solange es diese Welt nicht gibt, will ich mich über die Horde egozentrischer Labertaschen aufregen dürfen. Und jede Selbstverständlichkeit, die mir nicht passt, anzweifeln. Jedes “Ist-halt-so” nicht gelten lassen. Quotenschlampen als solche bezeichnen. Und einen Lanz brechen für die vielen, die sich gegen Dummheit, Intrigantentum einfach nicht wehren können und der Meinungsmache und Monetarisierung geopfert werden.

 

 ToM

Thomas Manegold

Thomas Manegold. Producer, Admin und VisdP bei Subkultur und beim Periplaneta Verlag. Mitglied der Lesebühnen OWUL und VISION & WAHN, www.manegold.de

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