Erlebnisbericht/ DEAD CAN DANCE/ 29.03.05/ Philharmonie Berlin/

Als mich im vergangenen Herbst eine Konzertagentur anrief und nachfragte, ob wir für eines von drei Konzerten einer Gruppe namens DEAD CAN DANCE eine Verlosungsaktion starten würden, da glaubte ich an einen Scherz. Jedoch erkundigte sich die nette Dame sehr interessiert, wie groß die Akzeptanz nach 10 Jahren in unseren Kreisen noch ist... daß aus dieser erheiternden Skepsis ein Herzrasen wurde. Lisa Gerrard und Brendan Perry werden drei Konzerte in Deutschland spielen!! Der Grund, so sollte sich später herausstellen, war eine ganze Reunion World Tour von Dead Can Dance, die in einem komplett orchestrierten Konzert in den USA gipfeln sollte. Und so erwarb ich erstmal 2 Karten für Berlin und prophezeite den anfangs noch ungläubigen Mitveranstaltern am anderen Ende der Leitung, daß es anfang 2005 bereits für diese Konzerte keine regulären Karten mehr geben würde. Und richtig. Zu unserem "Tribute To Dead Can Dance" am 25.12. konnte ich feierlich die letzten zwei Karten für das Konzert in München verlosen...

Die Berliner Philharmonie war natürlich ebenfalls restlos ausverkauft und für die Nachfrage vollkommen unterdimensioniert. Demzufolge gab es neben ominösen Tour Shirts nach der Show, auch noch ein paar Karten, u.a. im Netz und sogar vor den Toren der Philharmonie, für die verzweifelte Fans bis zu 200 € gezahlt haben sollen. Und ich glaube, daß es sogar das wert war. Erst einmal ist schon die Location an sich einen Besuch wert und bot neben dem Augenschmaus auch eine unglaubliche Akustik. Bei einigen aCapella Passagen, so bei "The Wind Thats Shakes The Barley", in der Lisa Gerrard alle Impedanz zwischen Flüstern und Schreien durchsingt... hörte man in der Mitte des Saales, in dem geschätzt 3000 Besucher Platz finden,nur noch das leise Summen der Moving Lights, die die Bühne in wechselnde, brillante Farben tauchten. Die aufgefahrene Technik beeindruckte mit Klarheit und Perfektion, sowohl das Licht schien förmlich komponiert zu sein und auch der Sound erklang über weite Strecken in lupenreiner CD Qualität. Und so erfüllte das Ensemble dann auch die immensen Erwartungen, die an so einem Konzert nach ca. 12 Jahren Bühnenabstinenz sich förmlich auftürmen.

Lisa Gerrard sang Heerscharen derer, die sie inspirierte, mit einem sanften Lächeln an die Wand. Nun ist ein Dead Can Dance Konzert alles andere , als ein Wettbewerb, jedoch ist auch im Jahr 2005 weit und breit, quer durch die musikalischen Genre keine Stimme zu vernehmen, die über einen Vergleich auch nur ansatzweise nachdenken ließe. Ebenso schwang sich Brendan Perry zu bislang unerhörten Sangeshöhen empor. So präsentierten sich die beiden in großartiger Verfassung. Begleitet wurden sie mit einem, fast dem der letzten Tour 1991 identischen Instrumentarium aus Trommeln und anderen Percussions, diversen Gitarren, zwei Tasteninstrumenten... und auch sonst erinnerte viel an die letzten Liveauftritte als Dead Can Dance, die ja als Live Video/DVD/ CD "Toward The Within" erschienen sind.

Den Anfang machte "Nierika", der Opener des 95er Abschiedsalbums "Spiritchaser". Im weiteren Verlauf spielte DEAD CAN DANCE aber dann doch vermehrt Stücke aus der Schaffensphase davor und mit weitestgehend solistischen Sangesdarbietungen von Brendan Perry und Lisa Gerrard. Auch wenn immer noch die gemeinsamen Lieder die Höhepunkte des Schaffens von Dead Can Dance markieren, so waren diese zwei Stunden doch viel zu schnell vorbei und sind mit Worten einfach nicht zu beschreiben.

Mitten in dieser magischen Atmosphäre passierte dann auch die wohl netteste Panne aller Zeiten. Die Band zählte "Rakim" ein, es war dunkel und man hätte eine Stecknadel fallen hören können, als Brendan Perry die kleinen Finger Cymbals zu dem fast schon theatralischen ersten Ton zusammenstieß... und nichts passierte... der Synthesizer versagte den Dienst. Brendan Perry bekam für diesen einen Ton einen überschwenglichen Zwischenapplaus, der diese Situation so komisch werden ließ, daß irgendwie keiner mehr aus dem Lachen herauskam... weder das Publikum, noch Perry selbst, dessen Ärger darüber so sehr schnell verflogen war. Lisa Gerrard nutzte die Pause, um einen Strauß Blumen aufzuheben, der kurz zuvor auf die Bühne geworfen wurde und erntete mit dieser Geste ebenfalls einen Zwischenapplaus. Dieser Zwischenfall bereicherte das Konzert, statt der Stimmung abträglich zu sein. In diesem Moment menschelte es ein wenig auf der Bühne, sonst war dieses Ereignis eher eine religiöse Veranstaltung, ein magisches Ritual. Wie es auf den einzelnen Zuschauer... Zuhörer wirkt, kann man nicht sagen, aber eines ist sicher: Es wirkt! Du spürst eine gewissere innere Ruhe und bist doch aufgewühlt. Die Augen werden groß und drohen, überzulaufen... und es jagen immer wieder diese Schauer von alles durchdringender Wärme über Rücken und Arme....

Auch sonst läßt sich DEAD CAN DANCE, wenn überhaupt, am ehesten mit den Reaktionen beschreiben, denn immer ist nach den ersten Tönen das Publikum total gebannt, immer beendet das dunkler werdende Licht die Darbietung und es entbrennt tosender Beifall... Nichts fällt leichter im Banne dieser Lieder, als zu schweigen, nichts fällt schwerer, als still zu sitzen, so gab es bei "American Dreaming" & "Black Sun" vereinzelt spontane Tanzeinlagen in den Seitengängen... wurden zwischen den Liedern einer überraschten Lisa Gerrard Blumen überreicht...., erkannte das Publikum Lieder geschlossen an den ersten Tönen... hielt es am Ende niemanden mehr auf den Sitzen. Die Philharmonie stand geschlossen und applaudierte und applaudierte und applaudierte. Wir bekamen dann auch noch unser "Yulunga", jedoch war nach vier Zugaben und einer Danksagung von Lisa Gerrard an das Publikum, die an sich schon zum Dahinschmelzen war, das beste Konzert aller Zeiten zu Ende.

Nichts hat mich bislang so berührt, vor allem nicht so nachhaltig - und ich kann mir nichts vorstellen, was wieder dazu imstande wäre, außer vielleicht "Song Of The Stars" live. Amen.

 

Thomas Manegold

Links: die philharmonie in berlin - dead can dance offiziell

 


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