ERLEBNISBERICHT: Tiamat, Theatre Of Tragedy, Pain, Sirenia - 30.12.04, Ohrakel Ingolstadt,

 
subkultur.de 01/05
 
 

So manch einem Freund düsterer Tonkunst dürfte diese Tournee mit wirklich namhaften Interpreten der Gothic/Elektro-Gemeinde den Jahreswechsel versüßt haben. Als einziger bayerischer Hafen einer Kreuzfahrt quer durch Europa sollte das Ohrakel in Ingolstadt auserwählt werden. Hierbei sei erwähnt, dass es sich beim Ohrakel offensichtlich um eine umgebaute Lagerhalle in unmittelbarer Nähe zum Ingolstädter Hauptbahnhof handelt. Für Konzerte dieser Art scheint die Lokation zweifelsohne ideal zu sein. So wundert es auch nicht, dass etwa 350 Zunftgenossen den Weg dorthin fanden und für einen ordentlich gefüllten Saal sorgten.

SIRENIA
Bandkopf und Initiator dieser Truppe ist Morten Veland der schon unter Tristania die Songs für deren ersten beiden CDs komponierte und seine Growls beisteuerte. Nach dem Ausscheiden bei seinen Landsleuten nahm er sein kompositorisches Talent mit und feilte fortan nach bewährter Rezeptur unter eigener Flagge an seinen düster-melancholischen Stücken. Er selbst blieb weiterhin hinter dem Micro tätig und holte sich als Unterstützung und weiblichen Gegenpol zu seinen derben Gesangslinien die schöne Henriette Bordvik, die live auf ganzer Linie zu überzeugen wusste. Wenn nicht gerade ihre zarte, aber dennoch kraftvolle Stimme aus den Lautsprechern klang, unterhielt sie die Fans mit exotischen Tanzeinlagen. Aber was war mit Morten? Dessen Lippen bewegten sich zwar, hören konnte man ihn aber nicht. Die Keyboards und die bandtypischen Chöre sollten vom Band kommen, taten es aber nicht. Etwa bis zur Halbzeit des 30-minütigen Sets konnten die technischen Probleme nicht behoben werden. Da fragt man sich schon, wozu es eigentlich einen Soundcheck gibt ...Morten nahm´s mit Humor: "Now you finally can hear me - it took so f***ing long". Die Reaktionen im Publikum hielten sich in Grenzen, obwohl die Norweger nur ihre wahren Hits zum besten gaben. Vielleicht wollte sich so manch einer seine Energie einteilen in Anbetracht dessen, was noch folgen sollte. Hier die Setlist:

Lithium and a lover
Voices within
Sister Nightfall
Meridian
Star-Crossed

PAIN
Peter Tätgren zählt zu den lebenden Legenden der skandinavischen Musikwelt: Erfolgsproduzent mit eigener Niederlassung, dem Abyss-Studio, Kopf von Hypocrisy und Musiker in etlichen weiteren Bands, wie The Abyss (RIP), Lock Up, Bloodbath... Als ob er sich seiner Rolle als schwedischer "Don Pedro" wohl bewusst wäre, präsentierte er sich auf der Bühne hinter zentral positioniertem Mikrophon, zur Linken und zur Rechten je eine schöne Dame, die Rhythmusgitarre bzw. Bass bedienten und die Background-Vocals beisteuerten. Alle Soundprobleme gehörten der Vergangenheit an, ebenso wie die Zurückhaltung der anwesenden Fans. Vor allem während der populären Stücke vom Rebirth-Album schien der ganze Saal zu einer rhythmisch wabbernden Einheit zu verschmelzen, hypnotisch gesteuert von den extremen, sich überschlagenden Gesangseinlagen dieses kleinen Mannes da oben, hinter dem Micro. Kaum eine Spur jener elektrisierenden Atmosphäre, wie man sie von den Releases kennt, war an diesem Abend zu verspüren - es herrschten ein alles an die Wand drückender Hypocrisy-Sound, Double-Base statt Beats und schwere Gitarren statt steriler Elektrostimmung. Zu hören gab´s folgende Stücke:

Supersonic bitch
End of the line
On and on
Shut your mouth
Running out of time
Just hate me
Greed
Breathing in, breathing out
Lier

THEATRE OF TRAGEDY
Mit ihrem Debutalbum und dem folgenden "Velvet Darkness They Fear" traten Theater Of Tragedy eine Lawine los, die bis heute kaum an Schubkraft einbüßen musste. Immer noch sprießen zahllose Newcomer aus den eigentlich längst schon überbewirtschafteten und ausgelaugten Böden der Gothic-Metal-Äcker und bewegen sich ganz in der Tradition von Theatre Of Tragedy. In einem Atemzug mit der Norwegischen Band nannte man stets einen Namen: Liv Kristine. Sie war es, die den Songs mit ihrem zarten Stimmchen im Kontrast zu den finsteren männlichen Growls die damals einzigartige Note verlieh. Als die Frontfrau im August 2003 ausschied, schien es unsicher, ob ein Weiterbestehen der Band sinnvoll sei. Lange suchte man nach einem gleichwertigen Ersatz und glaubte schließlich, ihn gefunden zu haben. Nell heißt die neue Sängerin, die sich in die großen Fußstapfen ihrer Vorgängerin begab und auf dieser Tournee ihr Können unter Beweis stellte. Tatsächlich bewegt sich ihre stimmliche Leistung sehr nahe am "Original", aber letztlich ist es wohl nicht möglich, Kristine´s Stimme zu kopieren. Wie schon Henriette von Sirenia, wusste auch Nell dank zahlreicher Verrenkungen, die Blicke vor allem der männlichen Zuschauer auf sich zu ziehen. Dass sich die Norweger während ihrer langen Karriere stets weiterentwickelten, zeichnete sich während des Auftritts im Ohrakel nur zu gut ab. Neben den morbiden Frühwerken gab es die Highlights aus allen Schaffensperioden zu hören:

Machine
Lorelei
When he falleth
A rose for the dead
A hamlet for the slothful vasall
Fate
Cassandra
Starlit
The masquerader and the phoenix

Da glich es doch glatt einem Wunder, dass nicht als Zugabe noch DER Bandklassiker "Tanz der Schatten" geboten wurden. War vielleicht besser so, langsam kann man das Stück wirklich nicht mehr hören...

TIAMAT
Vor 14 Jahren erhoben sich Tiamat aus der schwedischen Death-Metal-Szene, konnten sich mit ihren beiden ersten Alben "Sumerian Cry" und "Astral Sleep" jedoch nicht wirklich von den zahllosen Landsleuten ähnlicher Gesinnung abheben. Auf "Clouds" schien sich der düstere Schleier allmählich zu lösen, neue Pfade wurden eingeschlagen, neue Elemente ins musikalische Repertoire aufgenommen. Für viele folgte mit "Wildhoney" der endgültige Stilbruch - eine Phase der Band, die wohl am deutlichsten Rückschlüsse auf einen annehmbaren Drogenkonsum der Bandmitglieder, insbesondere Frontmann Johan Edlunds, zulässt. In der Folgezeit durchliefen Tiamat einen Entwicklungszyklus, wie kaum eine andere Band. Viel wurde den Fans zugemutet und eine Klassifizierung scheint bis heute nicht möglich. Die Schweden klingen mal rockig, mal poppig, mal psychedelisch, mal feierlich. Vergleiche mit Depeche Mode und Nick Cave wurden ebenso angestellt, wie mit Type O Negative und Paradise Lost. Bei all dieser Verwirrung verdeutlichte sich eines in Ingolstadt: die Fans lieben Tiamat... egal hinter welchem Gesicht sie sich gerade verbergen. Die neueren, gothic-lastigen Songs wurden ebenso angenommen, wie das ältere Material, das allerdings nicht weiter zurückreichte, als zu "Clouds"-Zeiten. Johan Edlund, der sich so präsent auf der Bühne bewegte, wie keine andere Person an diesem Abend, demonstrierte sein gesangliches Können als Goldkehlchen, das immer noch verdammt viel Dreck in seine Stimme legen kann, wenn nötig. Bei so viel Enthusiasmus im Raum ließ es sich auch ein "Don Pedro" nicht nehmen, mal eben für einen seiner berühmt-berüchtigten, infernalen Schreie auf der Bühne zu erscheinen, um die Landleute von Tiamat zu unterstützen. Was für ein grandioser Abschluss eines grandiosen Abends am Ende des Jahres 2004!
Für alle Interessierten gibt´s hier noch die Setlist von Tiamat (allerdings nicht in korrekter Reihenfolge):

Cold seed
Brighter than the sun
The sleeping beauty
In a dream
Whatever that hurts
Cain
Can you feel the door
Clovenhoof
Children of the underworld
Vote for love

Dagger

 

 


    SIRENIA



              SIRENIA




PAIN

 
PAIN  

  
THEATRE OF TRAGEDY


TIAMAT


TIAMAT

 
         
         
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