DIARY OF DREAMS: Traumtänzer

 
subkultur.de 02/2002
 
 

Seit der Gründung im Jahre 1993 stehen Diary Of Dreams für emotional geladene, intensive Musik, die sich allen gängigen Kategorisierungen entzieht. Mit der Melange aus elektronischen Beats und Loops, breiten symphonischen Keyboards und dem tiefen, häufig mehrstimmigem Gesang von Adrian Hates konnte sich die Band weltweit eine beträchtliche Fanschar erspielen. Davon zeugen Konzerte auf dem ganzen Erdball (u.a. auch Südafrika und Russland) und überschwängliche Fan- und Pressereaktionen auf Alben wie "End Of Flowers", "One Of 18 Angels" oder das jüngste Meisterwerk "Freak Perfume". Anlässlich der kommenden Deutschlandtour und der anstehenden Veröffentlichung der Mini-CD "Panik Manifesto" sprach Sascha Blach mit Diary Of Dreams-Protagonist Adrian Hates über Träume, Musik und Harmonie.

Adrian, wir wollen zunächst über "Freak Perfume" sprechen, das im Gegensatz zum Vorgänger "One Of 18 Angels" wieder bedeutend facettenreicher und abwechselungsreicher ausgefallen ist. Natürliche Weiterentwicklung oder ein bewußter Schritt?

Adrian Hates: Das Wort 'abwechselungsreich' ist natürlich in erster Linie Geschmackssache, denn Hörer und Macher einer Platte können ganz unterschiedliche Perspektiven dazu einnehmen. Auf "One Of 18 Angels" waren mit 'Colourblind', 'Dead Souls Dreaming' oder 'Babylon' total ruhige Sachen, während 'Butterfly: dance!' oder 'Mankind' eher midtempo-lastig und tanzbar waren und 'Winter Souls' regelrecht abgefahren und schrill ausfiel. Ich persönlich fand die Platte also unglaublich abwechslungsreich, aber das mag jeder anders sehen. Für mich ist "Freak Perfume" in erster Linie ein Persönlichkeitsspiegel der Jetztzeit, der sich in emotionaler Hinsicht sehr facettenreich entwickelt hat. Es war mir auch klar, daß wieder ein paar aggressivere Sachen dabei sein würden, da es dem entsprach, wie ich mich fühlte.

Wie kann man sich deine Arbeitweise vorstellen, wenn du ein neues Album komponierst?

Adrian Hates: Das ist vergleichbar mit dem berühmten weißen Blatt des Schriftstellers. Wenn es sich erst einmal eingearbeitet hat, ist es ein selbst funktionierender Mechanismus. Aber bis dahin ist es ein relativ kompliziertes Spektakel, da ich mir Themenkreise, Inhalte und emotionale Rahmen zuvor feststecke. In musikalischer Hinsicht kann man nicht von einen festen Ablauf in der Reihenfolge sprechen, das ist eher eine Stimmungssache. Es gibt beispielsweise Tage, an denen ich nur mit einem Songtitel ins Studio gehe, um ihn auszudrücken. Den Titel versuche ich dann in Worten und Tönen zu beschreiben.

Hast du dabei bevorzugtes Equipment?

Adrian Hates: Mein Haupttool ist E-Magic Logic Audio, wie sich das für einen vernünftigen Macintosh-User gehört. Ansonsten habe ich diverse Software auf meinem Rechner, aber das Haupt-Equipment ist extern. Ich besitze einen regelrechten Synthesizer-Wald von ganz alt bis ganz neu. Mein ältester Sequenzer ist ein Circus Multitracks und ich habe sogar noch einen nicht midifizierten Poly 61. Alles in allem besitze ich um die 25 Keyboards und sitze in einer kleinen Schaltzentrale. Ich habe mir eine Art Cockpit gebaut und die Geräte um mich herum gruppiert.

Diary Of Dreams sind im Moment recht fleißig was neue Veröffentlichungen angeht. Im November gibt es bereits wieder ein neues Mini-Album namens "Panik Infesto". Was erwartet uns?

Adrian Hates: Innerhalb der 12 Monate waren wir in der Tat sehr aktiv. Letztes Jahr im November haben wir die "O' Brother Sleep" Maxi veröffentlicht, dann folgte im Februar 2002 die "Amok" Maxi und im Juni das komplette Album "Freak Perfume". Aber nach "Panik Manifesto" ist erst einmal wieder Veröffentlichungspause. Darauf enthalten sind sieben neue Stücke (keine Remixe!), die während und nach der Produktion von "Freak Perfume" entstanden sind und mir noch auf der Seele lagen. In den Kontext von "Freak Perfume" ließen sie sich emotional nicht richtig einbinden, deshalb habe ich jetzt etwas freier daran gearbeitet und mir kein zu enges Konzept gesteckt. "Panik Manifesto" als Titel steht für den Themenkreis der Stücke, was man auch anhand der Grafiken erkennen kann. Wir haben ein Portrait-Photo-Shooting in der Pathologie gemacht und die Puppe, die das "Freak Perfume" Cover bildete, haben wir verbrannt und erneut photographiert. Fast alles ist schwarz und ich halte die Platte für sehr düster. Das erste Stück ist eine recht ruhige Ballade, bevor meine Favoriten 'Panik' und 'Soulstripper' folgen, die direkt auf die 12 gehen. Im Mittelblock gibt es eine etwas strangere Abteilung mit 'Sinskinner' und 'Drama'. 'Stream' ist dann wieder etwas flotter, während das abschließende 'Monsters And Demons' super-düster und ganz ruhig ist.

Seit jeher ist auch der optische Wiedererkennungswert charakteristisch für Diary Of Dreams, da alle Alben im selben Layout gehalten sind. War das von Beginn an so geplant oder ergab sich das eher zufällig?

Adrian Hates: Ich habe 1993 mit meinem damaligen Freund und späteren Labelkollegen an der Grafik für "Cholymelan" gesessen. Er war Grafiker und ich hatte überhaupt keine Ahnung davon. Wir probierten gewisse Bilder und Layouts aus und sind auf diese schwarzen Rahmen gekommen. Bis auf geringfügige Anpassungen ist das bis heute so geblieben. Dieser matt/glänzend Kontrast kam hingegen erst später dazu. Als wir auf die Aufmachung der ersten CD hin nur Lobeshymnen erhielten, war mir völlig klar, daß ich diese Aufmachung bei der zweiten CD wieder verwenden würde. Zu der Zeit habe ich dann mit meiner Photographin zusammen gesessen und wir hatten wir diese wunderbaren Blumenbilder, schließlich lagen Rosen bei "End Of Flowers" nahe. Es war auch in persönlicher Hinsicht eine sehr schwierige Zeit für mich und da reflektierte das Cover sehr eindrucksvoll, was ich ausdrücken wollte. Das strahlende Rot über beide Seiten war unglaublich kraftvoll, deswegen hat sich für uns nie die Frage gestellt, das Layout zu ändern. Auf den Zug sind mittlerweile aber auch einige andere Bands aufgesprungen.

Laß uns noch einmal auf "Freak Perfume" zurück kommen. Häufig schien es mir, als wären die Texte aus der Sicht eines nichtmenschlichen Wesens geschrieben, einem Alien, eines Geistes oder einfach einem Menschen, der sich unter Menschen nicht (mehr) wohlfühlt, da er stets von ihnen enttäuscht wurde. Ist Adrian Hates mit dem lyrischen Ich gleichzusetzen?

Adrian Hates: Manchmal ja, manchmal nein. Ich verstümmle das absichtlich etwas, um meine Privatsphäre zu schützen. Gerade auf dieser Platte dringen die Texte sehr ins Private ein und ich wollte mich nicht zu sehr entblößen. Deshalb habe ich teilweise die Perspektive gewechselt. Es geht um eine Desorientierung oder ein Nichtwohlfühlen, das den Schreiber so abstrahiert, daß er sich nicht mehr als ein Bestandteil der Gesellschaft empfindet. Aber es hat schon viel mit mir zu tun.

Nun hast du bereits sechs reguläre Alben aufgenommen, die allesamt von großen Emotionen und viel Melancholie geprägt sind. Ist dein Leben von so viel Mißgunst und Schmerz geprägt?

Adrian Hates: Nein, das würde ich nicht sagen. Es gibt Millionen Menschen, denen es sicherlich schlechter geht als mir. Aber ich denke, es geht nicht darum, ob man Schlechtes oder Gutes erlebt, sondern wie das Herz schlägt. Manche Menschen sind geborene Frohnaturen und andere haben eine melancholische Sichtweise der Dinge. Ich bin einer der melancholischen Menschen, der gerne viel Zeit mit sich alleine verbringt. Ich brauche nicht viel, um beschäftigt zu sein und bringe gerne viel Zeit mit meinen Gedanken zu.

Das Album ist "Freak Perfume" betitelt. Wie ein Freak siehst du gewissermaßen auch auf den Photos aus und auch die Texte sind quasi aus der Sicht ein Außenseiters geschrieben. War das Zufall oder ein bewußt konstruiertes Konzept?

Adrian Hates: Ich sollte durchaus wie ein Freak wirken. Wir haben praktisch das, was ich in Form von Texten aus meinem Kopf abstrahiert habe, in den Bildern noch einmal übertrieben dargestellt. Das ist die Photogestalt Adrian Hates, die eine aufgeblasene Form von mir ist. Diese Person ist sehr verwirrt, irritiert und realitätsfremd. Sie ist in ihrer eigenen Welt isoliert und mangels Verständnis mit den eigenen Gedanken eingeschlafen. Diese Welt hat ihre eigene Ordnung, wirkt aber für Außenstehende fremdartig und uneinsichtig. Der Freak-Touch kommt ja erst daher, daß es unnormal ist, so zu vegetieren.

Ich zitiere "O Brother Sleep". "These are my words to make an emPire fall / and to raise a New, a better one". Durch die Schreibweise von Empire und dem darin verstecken "pyre" (Scheiterhaufen) meinte ich eine Anspielung auf Religionen und speziell das Christentum zu entdecken. Das "du" in dem Lied könnte demnach ein Geistlicher sein. Welches Imperium möchtest du zum Fall bringen?

Adrian Hates: Darin sind zwei Ebenen zu sehen, die ich aufeinander deckungsgleich gelegt habe. Allerdings kann man sie wieder trennen kann und isoliert voneinander interpretieren. Ich möchte nicht nur einen Themenkreis vermitteln und sagen, das müßt Ihr aus meinen Texten ziehen, denn es hängt immer mit dem persönlichen Hintergrund zusammen, was jemand in den Texten sieht. Der religiöse Hintergrund spielte seit jeher eine große Rolle bei mir, da er unheimlich ausdrucksstark und wortmalerisch ist. Man kann mit derlei Worten unglaublich schöne Bilder malen und phantastische Kontradiktionen sowie Metaphoriken erzeugen, die dem Hörer viele spontane Assoziationen ermöglichen. Man muß allerdings auch die zweite, also die private Ebene im Hinterkopf behalten und wenn ich auf dieser Ebene ein Königreich zum Fall bringen möchte, kann das die Befreiung aus beklemmenden, vorherrschenden Verhältnissen bedeuten. Also die Veränderung des Bewußtseins, der Umwelt und der derzeitigen Situation im allgemeinen.

Wie müßte für dich ein neueres, besseres Imperium beschaffen sein?

Adrian Hates: Man wünscht sich bekanntlich immer das, was man nicht hat. Ich würde mir wohl manchmal wünschen, zu mir zurück zu finden, also zu demjenigen, der ich einmal war. Ich habe meine ganz persönliche Theorie über das Altern des Menschen, die besagt, daß jeder Mensch in Harmonie geboren wird und diese Harmonie verliert, je älter er wird. Irgendwann erlebt er einen Wendepunkt und wird sich dieses Verlustes bewußt. Den Rest seines Lebens strebt der Mensch schließlich danach, seine Harmonie zurück zu gewinnen. Das ist meine Religion. Dementsprechend kann man die neue Welt, von der ich viel schreibe, mit Harmonie und Ausgeglichenheit gleichsetzen. Allerdings finde ich diese Worte zu banal, um sie zu verwenden, da es das Gleichgewicht aller Sinne und emotionalen Wünsche meint.

In 'Traumtänzer' heißt es "Während Träume sich erinnern an die Zeit vor unserer Zeit...". Ist das nur ein poetisches Wortspiel oder glaubst du tatsächlich, daß uns im Traum das ganze Wissen der eigenen Vergangenheit der Seele offen steht?

Adrian Hates: Eine Zeit vor unserer Zeit ist gemeint als ein Kapitel vor einem anderen Kapitel, also ein Leben, das in Zeitabschnitte unterteilt wurde. Ich denke, daß man sich mit den unterbewußten Kräften im Traum Phantasiekonstrukte malt, die geradezu abstruse Formen und Gestalten annehmen. Jedoch denke ich, daß diese Bestandteile des eigenen gelebten Lebens sind. Es gibt so viele Dinge, die man im Leben wahrgenommen hat und dann wieder vergißt oder ignoriert. Wie oft habe ich von Menschen geträumt, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe oder habe mir Orte erträumt, die ich fast in mein Alltagsdenken mit eingebaut habe, da sie so real waren. Der Name Diary Of Dreams hat eine ganz eigene Bedeutung, denn als Kind habe ich häufig Sachen geträumt, die so real waren, daß sie mich später tatsächlich noch inspiriert haben.

Welche Rolle nimmt Torben Wendt von Diorama bei Diary Of Dreams ein? Er hat auf "Freak Perfume" ja nur ein paar Keyboards beigesteuert, während er auf der "One Of 18 Angels" Tour mit dir gemeinsam den Lead-Gesang übernahm.

Adrian Hates: Wir haben eine Weile zusammen gearbeitet, nach "One Of 18 Angels" die Tour gemeinsam bestritten und das ganze Jahr über Konzerte gegeben. Aber es zeigte sich schnell für Torben, daß Diorama, Diary Of Dreams sowie sein Studium und sein Job gemeinsam ein Aufgabenbereich sind, der vom Umfang her dem gleicht, was ich mir jeden Tag antue. Daß er das nicht will, kann ich verstehen. Er ist noch ein paar Jahre jünger und es ist arg viel Stress. Man müßte damit zurecht kommen, in seinem Leben wirklich nur Musik zu machen. Konsequenterweise hat sich Torben entschieden, sich aus dem ganz alltäglichen Diary Of Dreams Geschäft zurück zu ziehen. Allerdings hat er auf "Panik Manifesto" wieder ein paar Keyboards beigesteuert und bei einem Song mitgesungen. Im Endeffekt hat er also immer noch mehr Input als die anderen Musiker, mit denen ich kooperiere.

Fühltest du dich auf der Bühne nicht in deinem Ego als Frontmann zurück gestellt, als ihr etwa gleichwertige Gesangsteile hattet und beide vorne standet?

Adrian Hates: Nein, aber das hat viele Leute verwirrt. Ich habe eigenartigerweise den Ruf, arrogant zu sein und ein starkes Ego zu haben. Keine Ahnung wo das herrührt. Mir hätte nie jemand zugetraut, eine wichtige Position in der Band mit jemandem zu teilen und plötzlich steht da ein Co-Leadsänger direkt neben mir. Für neue Fans waren wir gleichberechtigte Frontleute, aber das hat mich überhaupt nicht gestört. Ich habe immer gesagt, wenn jemand etwas für Diary Of Dreams leisten kann, das ich nicht kann, ist das gut. Ich mag es nur nicht, wenn ich Leute in meinem Arbeitskreis habe, denen ich helfen muß, damit sie etwas machen können, was ich eigentlich selbst besser könnte. Stattdessen brauche ich Leute, die mir noch etwas zeigen können, gerade im Gitarrenbereich. Immerhin habe ich 15 Jahre klassische Gitarre gespielt, da muß schon jemand ausgeschlafen sein, damit er es besser auf die Reihe bekommt. Aber diese Leute gibt es durchaus, zumal ich auch gar nicht mehr in der Übung bin. Torben war einer dieser Menschen und es war einfach wunderbar mit uns beiden auf der Bühne. Der Gesang war unheimlich voll, komplex und unglaublich präzise.

Was erwartet die Zuschauer auf eurer kommenden, gemeinsamen Tour mit Diorama?

Adrian Hates: Neue Songs, neue Musiker und eine neue Crew, die eine noch ausgereiftere Show ermöglichen. Wir werden soweit es geht versuchen live zu spielen, unser Drummer hat ein ausgeklügeltes Rack mit Electro-Pads und auch der Keyboarder und Gitarrist haben sich bereits viele Gedanken über die Umsetzung der Songs gemacht. Ich freue mich auch auf jeden kleinen Club, da es schön ist, überhaupt auf der Bühne stehen zu dürfen.

In der Hoffnung daß nun jeder den Wink mit dem Zaunspfahl verstanden hat ... man sieht sich am 15.11.2002 im Top Act Zapfendorf:-)))

Sascha Blach

 


CD-Review zu "Freak Perfume "

 

 

Adrian Hates

 

 

"Es gibt Millionen Menschen, denen es sicherlich schlechter geht als mir. Aber ich denke, es geht nicht darum, ob man Schlechtes oder Gutes erlebt, sondern wie das Herz schlägt. Manche Menschen sind geborene Frohnaturen und andere haben eine melancholische Sichtweise der Dinge."

Adrian Hates

 

LIVE IM TOP ACT ZAPFENDORF

 

 

 

"Der Name Diary Of Dreams hat eine ganz eigene Bedeutung, denn als Kind habe ich häufig Sachen geträumt, die so real waren, daß sie mich später tatsächlich noch inspiriert haben."

Adrian Hates

 
 
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