LETZTE INSTANZ : "Sieben Leben"

 
subKULTUR 08/ 2007
 
 
 

Was für einungewöhnlicher Titel für einen Artikel über die LETZTE INSTANZ, aber irgendwie passend. Weil die Band aus sieben Musikern besteht, die zudem lebendiger, als jemals zuvor sind, weil die Band scheinbar sieben katzengleiche Leben hat und mindestens so viele Besetzungswechsel hinter sich, weil sie mehr als einmal in den Abgrund fiel und auf den Füßen landete... Und dennoch ist die LETZTE INSTANZ unverwechselbar und gehört zu den fleißigsten und herausragendsten Livebands, die dieses Land beackern.

Mit den letzten beiden Alben "Ins Licht" und "Wir sind Gold" wurde zudem ein gänzlich neues Kapitel aufgeschlagen, als Sänger Robin ging und mit Holly ein mehr als nur akzeptabler Ersatz kam. Die Alben und deren Liveumsetzung läuteten die bis dato erfolgreichste Phase der Band ein. Mit "Sonne" und "Morgenrot" zog die LETZTE INSTANZ wieder in die Clubs ein und präsentierte zudem stadiontaugliche Hymnen, wie "Das Stimmlein" oder das Inchtabokatables Cover "Wir sind allein", ohne den Pfad des gehobenen Anspruchs zu verlassen. Anläßlich des zweiten Gastspiels einer meiner wenigen Lieblingsbands im Top Act Zapfendorf, ließ ich es mir natürlich nicht nehmen, ein erstes Interview mit der neuen Stimme der LETZTEN INSTANZ zu führen

Wie siehst Du, quasi als Neuer im Team, die ersten Tage Deiner Band?
Holly: "Ich weiß recht wenig darüber, nicht zuletzt wahrscheinlich auch, weil sich meine Kollegen auch nicht mehr so gut daran erinnern können. Immerhin sind es jetzt knapp zehn Jahre, in denen diese Band durch Höhen und Tiefen gerauscht ist und mehr Mitgliederwechsel erfahren hat, als jede andere mir bekannte Band".

Was hat Dich bewogen, nach dem Weggang des Sängers bei der Letzten Instanz einzusteigen?
Holly: "Der treuherzige Blick von Herrn Stolz ;o) und die Sympathie zu den anderen Bandmitgliedern. Kennengelernt habe ich die Band durch einen beidseitig befreundeten Produzenten, der uns sozusagen zusammengeführt hat. Ich vermißte eine Band und die Letzte Instanz vermißte einen Sänger."

War es ein schweres Erbe?
Holly: "Das kann ich nicht so recht beurteilen. Robin hat diese Band schon weit nach vorn gebracht. Er hat sie aber auch tief fallen lassen. Das sich die Letzte Instanz dabei nicht das Genick gebrochen hat, verdanken wir in erster Linie den Fans und Freunden der Band, die uns aufgefangen haben; die ersten Schmerzstunden gefasst ertragen haben. Sie waren es auch, die mir mein Erbe in dem Sinne erleichterten. Die mich aufnahmen in die Instanz –Gemeinschaft und die mir immer noch so manches verzeihen."

Seit dem Neuanfang klingt alles etwas runder. Statt Experimenten scheinen die verschiedenen Einflüsse nun zu einem ganzen zu verschmelzen. Liegt das an den “Neuen” oder am “Älterwerden”?
Holly: "Das hat viele Gründe. In erster Linie liegt es wohl daran, dass sich jeder Einzelne von uns weiter entwickelt – charakterlich, wie auch musikalisch. Ich bin wahrscheinlich schuld daran, das es „weicher“ klingt. Das gesamte neue Hörgefühl „Letzte Instanz“ begründet sich in der ehemaligen und nun neu aufgefüllten Vakanz der Komponistenstellen. Das es besser klingt liegt am Älter werden."

Wie bewältigt ihr die vielen Auftritte im Jahr, ohne darunter zu leiden oder auszubrennen?
Holly: "Als wir noch jung waren, soffen wir hartes Zeug, rauchten komische Sachen, und lagen beim Sex unten. Heute trinken wir mäßig, die Nichtraucher sind in der Überzahl, die Vegetarier drohen es zu werden und jeder Dritte versenkt sich im Joga."

Ist ein Pseudonym so etwas wie eine gesunde Distanz zu diesem Zirkus?
Holly: "Wahrscheinlich… darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Meine Mutter nennt mich Holl, meine Frau und meine Freunde nennen mich Holly, seit ich der Pubertät entwachsen bin. Das ist zwar noch nicht so lange her, hat in meinem Falle aber nichts mit der Musik und dem sich auf der Bühne verstecken zu tun. Woher kommen Spitznamen? Sind sie vielleicht manchmal ein generelles Pseudonym für eine spezielle Welt?"

Was ist es, dass euch trotz dieser vielen Gigs euer Publikum immer wieder motiviert. Sicherlich sehen nicht wenige die Letzte Instanz mehrmals im Jahr...
Holly: "Unser Beruf ist Künstler und unsere Berufung zu unterhalten. Wie sollen wir Leute unterhalten, wenn sie uns auf den Sack gehen? Wenn es soweit ist, bin ich weg. Meine Motivation ist es, Leute zu bestimmten dingen zu motivieren. Das können ganz spontane Dinge sein, wie zum Beispiel, sich vor die Bühne in den Schlamm zu setzen oder langfristig und durchdacht die Leute vor der Bühne an die Hand zu nehmen um mit Ihnen in Gedankenwelten abzutauchen… auch das nur ein Beispiel…"

Auch wenn es vielleicht genervt hat, so wurde nach Deinem Einstieg doch sehr ausgiebig über Deinen Stil, Texte zu schreiben, diskutiert. Mal abgesehen, daß ich das nicht nachvollziehen konnte, da ich schon Ähnlichkeiten in den alten und neuen Texten ausmachen konnte...
Holly: "Das habe ich an mir vorüber ziehen lassen. Kritik sollte immer und durch jeden möglich sein, so lange der Ton gewahrt bleibt. Das ich nicht Robin bin, war den Ersten schon nach den ersten drei Konzerten klar und einige verabschieden sich immer noch mit „Lass mal die Haare wieder wachsen, Robin“ Ich find es nicht schlimm und es zeigt, daß es wohl auch nicht überbewertet werden sollte".

Aber dieser Disput doch eigentlich ein dickes Kompliment an die Band. Schließlich machen sich andere Communities weitaus seltener so einen Kopf. Warum haben die Texte so einen überdurchschnittlich hohen Stellenwert bei euren Fans?
Holly: "Vielleicht haben wir die geistige Elite des Landes aus Versehen vor der Bühne? Ich habe keine Ahnung, finde es aber als Texter natürlich super, daß meiner Arbeit ein so hoher Stellenwert eingeräumt wird."

Wie ist die Arbeit an Musik und Texten bei euch gegenwärtig aufgeteilt?
Holly: "Bislang habe ich zu den letzten beiden Alben „Ins Licht“ und „Wir sind Gold“ die Texte geschrieben und sitze derzeit auch am „weißen Lied“, unserem nächsten Album, welches im Dezember rauskommen soll. Kompositorisch waren da Insbesondere Herr Stolz und Oli kreativ, während Letzterem mittlerweile schon der „Mastermind“- oder Produzenten-Titel gebührt."

Seid ihr immer noch eine demokratische Band... So mit Abstimmen...??
Holly: "Ja. In Olis Studio dürfen wir immer machen, was er will…"

Und das funktioniert??
Holly: "Super. All zu viele Köche fressen nur den Topp leer, bevor der Brei verdorben ist".

In deinen Texten spiegelt sich eine tiefgehende Weltsicht und innere Ruhe... Dein Lieblingsfilm ist wirklich Top Gun ??
Holly: "Das ist schon ein paar Jahre her. Mittlerweile schaue ich mir Filme wie (aktuell: Letzte Woche mit Holly D.) „Simpsons“ oder „Big Lebowski“ an. Ich kann auch lachen. Ansonsten bevorzuge ich tatsächlich Ruhe, auch wenn mein Leben gerade alles andere als ruhig verläuft, aber Rock’n Roll ist ja bekanntlich keine Hängematte. Das du das so siehst, ehrt mich aber und zeigt, das ich auf dem richtigen Weg bin."

“Morgenrot” ist ein sehr apokalyptisches Lied und daher irgendwie religiös... Und es geht unter die Haut. Endzeit?
Holly: "Würde ich nicht sagen. Die Menschheit hat eine Daseinsberechtigung und kann noch vieles richtig machen. Manchmal müssen Menschen aber eben doch mal auf diverse Probleme gestoßen und zum Nachdenken gebeten werden. Da haben gerade Leute aus unserer Branche eine Verantwortung, mit der nicht leichtfertig umgegangen werden sollte."

Siehst Du Dich als Sprachrohr der Band, hast Du künstlerisch einen besonderen Anspruch... Ein Ziel, vielleicht etwas zu verändern...?
Holly: "Im wahrsten Sinne bin ich wohl das Sprachrohr, wir reden jedoch in der Band darüber, was aus mir heraus poltern sollte. Ich glaube aber nicht, das mein Anspruch ein Besonderer ist. Vielmehr gehört es doch neben Aufmerksamkeitsdefizit doch zum allgemeinen Krankheitsbild eines jeden Künstlers, die Welt verändern zu wollen. Obwohl ich da wiederum sagen würde, das ich nicht unbedingt groß missionarisch tätig bin. Ich lasse einfach meine Gedanken auf den Melodien der Band reiten."

“Nimm mich!” vom vorherigen Album “Ins Licht” spricht zu einem Menschen, der emotional und energetisch Menschen aussaugt. Die gibt’s wie Sand am Meer und so spricht er bestimmt nicht nur mir aus der Seele. Wie sieht Dein Lieblingsmensch aus, also die Idealvorstellung Deines Gegenübers...?
Holly: "Kommt auf die Uhrzeit an. Manchmal blaue Augen, lange Haare und … Naja, das meinst du wohl nicht... Ich wäre gern durchdacht, ruhig, unvoreingenommen, tolerant und wünsche mir das natürlich auch von meinem Gegenüber. All zu schlimm ist es aber auch nicht, wenn er nicht so ist, denn ich bin es ja auch nicht immer. Wenn es hart auf hart kommt, gibt es Lieder wie „Maskenball“, „Krieg der Herzen“, oder eben auch „Nimm mich“

Wie versuchst Du selbst diesem Ideal gerecht zu werden?
Holly: "Ich versuche mich, dahin gehend selbst zu motivieren, lasse mir Wege von anderen aufzeigen und stelle immer wieder fest: mein Weg ist noch relativ lang."

Oh, jenes innere Schweigen aus “Meine innere Stimme” kenne ich. Wann oder wobei verliert man denn den 6. Sinn, den Bauch, das Ahnen?
Holly: "Ich weiß nicht so genau, wann oder besser gesagt in welchem biologischen Stadium ich meinen in die dunkelste Gehirnwindung gedrängt habe. Ich denke Auslöser dafür waren irgendwann Zweifel und Mißtrauen mir und anderen gegenüber. Realitäres Denken und logische „Meinungserziehung“ werden auch ihr Übriges getan haben…"

Bist Du eher ein Bauchmensch?
Holly: "Ich wäre es gern wieder."

Deine Stimme hat sich zwischen den beiden Alben merklich entwickelt. Besonders in den hohen Lagen ist sie souveränern geworden. Unterricht genommen oder war es das harte Training auf Tour?
Holly: "Nein, das Bett, das die Jungs mir gebaut haben ist weicher und breiter geworden."

Was erwartet uns in der Zukunft von der Letzten Instanz?
Holly: "In naher Zukunft unser neues Album „Das weiße Lied“ und natürlich viele weitere Konzerte. Es gibt noch viele Ideen, die aber erst noch ausgesponnen werden müssen."

Was erwartest Du von der Zukunft?
Holly: "Ich versuche, meine Erwartungen nicht zu hochzuschrauben, hoffe aber doch auf ein wenig Entspannung, global und persönlich."

Ich danke für das Interview.

Thomas Manegold

 

 

 

"Die Menschheit hat eine Daseinsberechtigung und kann noch vieles richtig machen. Manchmal müssen Menschen aber eben doch mal auf diverse Probleme gestoßen und zum Nachdenken gebeten werden."
Holly

 

 

"Als wir noch jung waren, soffen wir hartes Zeug, rauchten komische Sachen, und lagen beim Sex unten. Heute trinken wir mäßig, die Nichtraucher sind in der Überzahl, die Vegetarier drohen es zu werden und jeder Dritte versenkt sich im Joga."
Holly

 

Aktuelle CD


Wir sind Gold

 

 

DAS KONZERT

LETZTE INSTANZ

+ After Show Party mit DJ ToM Manegold

Fr.21.09. 2007

Top Act Zapfendorf

 
 
LINKS: www.letzte-instanz.de
     
         
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