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LETZTE
INSTANZ : Alle guten Dinge sind Acht!
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subKULTur-
Interview
September 2003 |
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Als einst ein paar junge Dresdener Musikanten mit "Brachialromantik" ein zwar gefälliges, aber noch nicht allzu innovatives Folk-Rock-Album veröffentlichte, hätte sicher noch niemand geahnt, daß diese Formation drei Alben und einige Musikerwechsel später zu den eigenwilligsten Bands gehören würde, die die deutschsprachige Alternativ-/Rock-Szene zu bieten hat. Auf dem aktuellen, vierten Longplayer "Götter Auf Abruf" haben Letzte Instanz endgültig alle Barrieren über Bord geworfen und präsentieren ein vielschichtiges, unterhaltsames Album, das sich jeglichem Schubladendenken galant entzieht und auch auf textlicher Ebene viel Stoff für tiefsinnige Auseinandersetzungen bietet. Akustik-Gitarrist und Zweitsänger Holly D. blickte mit uns etwas tiefer.... Nach der letzten CD "Kalter Glanz" gab es einige Umbesetzungen bzw. eine Aufstockung des Musikergefüges auf mittlerweile acht Leute. Lass doch die Zeiten des Wandels noch einmal Revue passieren. Holly D.: Wir haben 2001 zum "Kalten Glanz" 70 Konzerte gespielt und extrem viel Zeit miteinander verbracht. Nach der Tour im Herbst war klar, das wir alle eine Auszeit voneinander brauchten. Wir haben uns damals aus musikalischen Gründen bereits von unserem alten Schlagzeuger und dem Bassisten getrennt. Zu dem Zeitpunkt war aber unklar wann, wie und ob es mit der Instanz weiter geht. Im Frühjahr 2002 haben wir dann eine Bestandsaufnahme gemacht und mit der Suche nach neuen Musikern begonnen. Nach vielen verschiedenen Anläufen haben wir uns für Specki T.D. aus Landsberg (damals noch Skaos) am Schlagzeug, F.X. aus Berlin am Bass und das O. aus Hof an der 2. Gitarre entscheiden. In der verstärkten Besetzung (nun 8 Leute) haben wir dann im Sommer 2002 ein paar Festivals gespielt, um uns kennen zu lernen. Ab September haben wir am neuen Album gearbeitet und ab Mitte Februar 2003 waren wir im Studio. Alles in allem hat die recht lange Zeit uns gut getan. Jeder hatte Zeit sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen, sein Instrument wieder mal richtig zu üben und einfach dazu zu lernen. Der normale Wahnsinn einer funktionierenden Band lässt dafür oft nur noch wenig Zeit. Das Tolle an "Götter Auf Abruf" ist, daß es keinen gängigen Schemata folgt und ohne Rücksicht auf Verluste die unterschiedlichsten Einflüsse verarbeitet. Kann man "Götter Auf Abruf" gewissermaßen als Statement in einer von Einfallslosigkeit nur so gezeichneten Veröffentlichungsflut verstehen? Holly D.: Wir
haben seit zweieinhalb Jahren kein Album veröffentlicht, da hat
sich viel angesammelt - vieles davon haben wir auf die Platte gebannt.
Wir hatten schon immer panische Angst davor, uns zu wiederholen (ein
Zug, der uns bei manch anderer Band unglaublich nervt). Ich find es
klasse mal ein Album zu haben, wo jeder Song seinen eigenen Kosmos
hat. Mit acht Musikern können wir dieses gewagte Spiel auch recht
glaubhaft darstellen und es macht vor allem Spaß. Insofern kann
man die Platte schon als Statement gegen die Einfallslosigkeit verstehen.
Ich denke, um Platten zu verkaufen und in den Spiegel schauen zu können,
muss der Inhalt stimmen. Wir haben bei "Götter Auf Abruf"
versucht ein stimmiges Werk vorzulegen. Textliche Aussagen, musikalische
Ideen und Umsetzungen, Layout, Plattentitel, alles gehört irgendwie
zusammen und steht doch für sich alleine. Inwieweit haben sich Eure persönlichen Einflüsse in den letzten Jahren gewandelt? Immerhin habt Ihr die Entwicklung von einer traditionellen Folk-Band hin zu einer multi-musikalischen Formation, die alles von Folk, Gothic, Hip Hop bis zu NewMetal verarbeitet, vollzogen. Haben die neuen Musiker das Einflussspektrum noch zusätzlich verbreitert? Holly D.: Die
"Neuen" hatten schon großen Einfluss, z.B. hat das
O. den Song "Einbahnstraße" geschrieben - so etwas
hätten wir früher nie gemacht. Jetzt ist es auch ein Teil
der Letzten Instanz. Wir sind nun mal acht Leute mit einer sehr individuellen
musikalischen Identität; aus diesem Schmelztiegel kommen die
Songs. Unser einstmaliger Anspruch einer Folkrock-Band war von Anfang
an immer auch mit einem lachenden Auge gemeint. Auch auf "Brachialromantik"
sind Stücke wie z.B. "Der Geigenschüler" drauf.
Folkrockpuristen konnten sicher schon damals wenig mit uns anfangen.
Die Dinge haben sich weiter entwickelt und das ist gut so. Wir sind
nie über Mittelaltermärkte getingelt. Vielleicht wäre
es vermarktungstechnisch besser dies zu behaupten, ich denke aber,
jeder sollte tun, was er kann und da sind wir wieder bei Letzte Instanz.
Wir tun, was wir können und die Menge der Möglichkeiten
ist bei acht Musikern groß genug. Einige
Songs (z.B. "Himmelfahrt") beziehen sich ähnlich wie
"Das Schönste Lied Der Welt" vom Vorgänger textlich
direkt auf euer Publikum und rufen auf leicht ironische Weise dazu
auf, nicht allzu unhinterfragt alles hinzunehmen, was ihr den Fans
offeriert. Gewissermaßen der erste Schritt zu einer besseren
Welt, wenn man vor der eigenen Haustür kehrt? Holly D.: Auf
jeden Fall. Jeder ist eingeladen sich kritisch mit unseren Songs auseinander
zu setzen. Ich persönlich mag Robins beißenden Spott sehr
gern. Er verschont keinen und niemand. Mich nerven Bands, die jeden
Abend dem Publikum erzählen, wie toll es ist und daß es das
Beste der Welt ist und bla bla bla... Dann doch lieber mal das eigene
Publikum dumm anmachen und dafür echte Emotionen ernten. Unsere
Fans verstehen die Ironie. Der
Titel "Götter Auf Abruf" ist ja vielfältig interpretierbar.
Mir gefällt jene Variante am besten, daß man als Musiker gewissermaßen
in die Rolle eines Gottes schlüpft, während man auf der
Bühne steht und darüber hinaus sein normales Leben lebt.
Verrate uns Deine Lieblingsvariante! Holly D.: Meine
Lieblingsvariante ist die große Weltgeschichte und die Rolle
des christlichen Abendlandes darin. Unser Album entstand im Vorfeld
und während des letzten Irak-Kriegs. Als alter Verschwörungstheoretiker
versuche ich den Tatsachen abseits der Propaganda ins Auge zu blicken
(auch wenn die Wahrheit immer dazwischen liegt, Skepsis ist das Gebot
der Stunde!). Alles endet im Staub, die Gier nach Macht wird am Ende
doch nur mit dem Tod belohnt. Zum Gott wird man erst durch die Treue
der Massen gemacht. Und mit der Masse steht und fällt das Ganze.
Wenn also ein Staat dieser Welt sich zum Führer der abendländischen
Kultur erklärt und zum Kreuzzug ausrückt, dann ist er nur
Gott, weil wir ihn dazu gemacht haben. Wir haben es auch in der Hand
ihn abzuberufen. Wie gesagt, das ist nur eine von vielen Interpretationsmöglichkeiten.
Auf dem letzten Instanz-Album gab es das Stück "Kopfkino"
- das trifft es am besten - wir geben nur den Anstoß und was
Ihr in Euren Köpfen daraus macht, ist voll und ganz Euch überlassen.
Alles nur eine Frage von Phantasie und Visionen. Letzte
Instanz sind seit jeher vor allem auf den Bühnen der Welt zu
Hause. Sind Plattenproduktionen für Euch nur ein notwendiges
Übel oder kommen den beiden Parts gleichwertige Rollen zu? Holly D.: Studioarbeit
macht viel Spaß und ist zugleich sehr nervenaufreibend. Vielleicht
sage ich das mal nicht mehr, wenn wir richtig viel Zeit für ein
Album haben. Auch dieses mal ist uns diese davon gelaufen und das
Budget wurde immer kleiner. Eine interessante Frage ist, wird ein
Platte besser, nur weil die Band unendlich viel Zeit hatte oder ist
gerade der Zeitdruck Vater der Kreativität und der Originalität.
Fakt ist, die Band könnte durch Plattenverkäufe nicht leben,
wir finden auch nach wie vor in vielen großen Musikmedien nicht
statt. Und das, obwohl wir durch unsere Konzerte eine feste Größe
auf dem deutschen und österreichischen Musikmarkt geworden sind.
Da sind die Bühnen schon eher die Heimat der Instanz, als die
Fächer im Plattenladen. Das ist auch gut so, wobei ich die Zweitwohnung
im Plattenregal durchaus gern noch ein bißchen ausbauen würde.
;-) Wie
schon bei der letzten CD besticht auch "Götter Auf Abruf"
durch grandiose Bandphotos. Notwendiges Übel um in einer Zeit
des musikalischen Überangebotes die Aufmerksamkeit auf sich zu
ziehen oder ebenfalls Teil des künstlerischen Ausdrucks? Holly D.: Natürlich
wollen wir auch mit unserem Layout auffallen, aber es sollte schon
ins Konzept passen. In sofern eher Teil des künstlerischen Ausdrucks.
Es macht uns einfach Spaß mit Bilder und Phantasien zu spielen.
Außerdem ist es Ausdruck dafür, daß wir uns auch mit unserer
Musik und dem Drumherum identifizieren. Wir machen uns immer selbst
zum Teil dessen, was wir kritisieren. Nun
würde mich allerdings interessieren, ob Ihr euch tatsächlich
in den Wüsten dieser Welt habt einbuddeln lassen oder ob Freund
Computer einen erheblichen Anteil daran hatte? Was
die Zukunft angeht. Wenn ein Majorlabel bei euch anklopft, nach einer
traditionellen Mittelalter-Folk-Platte verlangt und euch dafür
Erfolg im Übermaß verspricht, wäre ein 'back to the
roots' Album eine Option oder werdet ihr auch weiterhin dem Independent
Bereich treu bleiben, um genau eure musikalischen Visionen auszuleben?
Holly D.: Wie
gesagt, wir sind nie über Mittelaltermärkte gestolpert und
werden das auch für alles Geld der Welt nicht behaupten. Unser
Interesse an alter Musik haben wir aber trotzdem nicht verloren. Wir
haben z.B. im Mai in Leipzig zum Bachfest gespielt. Da gab es Letzte
Instanz-Adaptionen von Bach-Stücken zu hören. Eine Arbeit,
die uns wirklich viel Spaß gemacht hat. Vielleicht veröffentlichen
wir die Sachen im nächsten Winter als Bonus-Track auf einer Live-DVD.
Wenn ein Majorlabel kommt und die Instanz in der Bravo sehen will,
dann muss man uns schon nehmen wir wir sind. Ein 8-Mann-Band lässt
sich nur schwer verbiegen. Was
wäre ein Wunsch, den ihr euch mit Letzte Instanz unbedingt noch
erfüllen wollt? Holly D.: Zu zeigen,
daß am Ende doch der Inhalt zählt und nicht die Verpackung und
das die Guten schlussendlich gewinnen.
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