Eine Kurzgeschichte von Joost Renders.

Ein leichter Regen hatte eingesetzt, als sie den Hauptbahnhof erreichte. Es war später Nachmittag und natürlich Berufsverkehr, die Tram war rappelvoll, klamm und nass. Eigentlich hasste sie so etwas, doch heute war es ihr egal, heute sollte die Sonne scheinen, ob es nun regnete oder nicht.
Sie hatte ein paar Scheißjahre hinter sich, anders konnte man das nicht bezeichnen. Die Kinder waren aus dem Haus, der Mann hatte sie für eine Jüngere verlassen und mit der dann noch zwei Kinder produziert. Immer dieselbe Geschichte. Doch heute war ein besonderer Tag. Mitten in dem wuselnden Menschenpulk blieb sie stehen und atmete durch. Immer dann, wenn man es am allerwenigsten erwartet, geschieht etwas. Hier war es eine plötzliche Freundschaftsanfrage auf Facebook. Einer aus der Zeit, als es so schien, als würde es immerzu aufwärts gehen. Damals, als sie noch jung und das Leben noch aufregend war, da war „Sonnenscheinchen“ ihr wichtig gewesen. Warum, das wusste sie selber nicht, sie hatte sich nie Gedanken darüber gemacht – damals schon gar nicht. Sonnenscheinchen war einfach ein interessanter Typ, damals waren zwar alle interessant, aber Sonnenscheinchen war eben noch einen Zacken interessanter. Dabei hasste er seinen Spitznamen, der war ihm peinlich, Stefan, wie er wirklich hieß, wollte hart und wild sein und da hatte die Sonne keinen Platz.
Sie sah sich um, sie war etwas zu früh, sie war nervös, also kaufte sie sich am Automaten einen Pappbecher Cola, sie hatte großen Durst. Die Cola war viel zu warm, wahrscheinlich war der Automat kaputt. Sie musste lächeln, warme Cola hatte sie früher oft getrunken, damals, als eigentlich alles egal war. Die Zeiten waren düster gewesen, die Apokalypse nah, jedenfalls wurde davon ausgegangen, trotzdem gab es viel Spaß und so war auch die Musik ihrer Jugend und die ganze Art zu leben, es passte alles zusammen. Inmitten dieser selbst zusammengezimmerten Weltuntergangsstimmung stand Sonnenscheinchen, und er hatte ein Leuchten an sich. Das war der Grund, warum er diesen Namen abbekommen hatte, keiner wusste mehr warum und wer ihm den überhaupt gegeben hatte, vielleicht war es diese ständig betrunkene Oma, die immer im McDonalds rumhing und allen irgendwelche Namen gab. Drecksack, Flitzpiepe, Luder – und eben Sonnenscheinchen. Manchmal passten diese Namen und in diesem Fall passte er sogar besonders gut. Sogar die dumpfen Sisters of Mercy leuchteten, wenn Sonnenscheinchen in der Disco, wo sie gerade auf dem Plattenteller lagen, zugegen war. Sie hatte nie etwas mit ihm gehabt, immer mit anderen, aber mit ihm nie. Warum das so war? Sie wusste es nicht. Es hatte sich eben nie ergeben und irgendwann war er weggezogen und kam nicht wieder. Das alles war lange her, mehrere Jahrzehnte inzwischen, da konnte es einem fast schon peinlich sein, dass man immer noch lebte, ihr kam das manchmal auch so vor. Zu ihren alten Freunden hatte sie nicht viel Kontakt, einige waren gestorben, Drogen, Selbstmord, Unfälle, Krankheiten.
Und jetzt stand sie im Bahnhof, nicht auf dem Bahnsteig, wie es sich gehörte, das ging leider an diesem Tag schlecht, da durch eine Signalstörung die Züge nicht da hielten, wo sie sollten. Aber es gab ja WhatsApp und so machten sie aus, dass sie einfach unten am Bahnhofsshop wartete, der war noch da, wie früher. Als schließlich die Durchsage kam, dass der richtige Zug eingefahren war, und die ersten Reisenden die Treppe vom Bahnsteig hinunterquollen, fing ihr Herz heftig an zu klopfen. Und dann kam auch er, sie erkannte ihn sofort. Es war kein Scheinchen mehr, es war die Sonne, die da aufging, ein blutroter Ball, der sich aus dem Meer der Reisenden hervorhob. Das Rot dieser Sonne wurde nicht mal gestört durch das Weiß seiner Augen, nein, auch sie waren rot durchlaufen, wahrscheinlich waren da schon einige Äderchen geplatzt. Er hatte nicht mehr diesen glänzenden Blick, diese Augen leuchteten nicht mehr, hier hing alles nach unten, die Augen, die Tränensäcke, die Wangen und das Doppelkinn. Doch der Kopf, der glühte, diese Röte hatte eine Strahlkraft, dass die umstehenden Reisenden zurückwichen.
Schließlich kam er am Treppenende an, erkannte sie und ging auf sie zu. Er blieb stehen, sah sie an und versuchte zu lächeln. Aber das wollte ihm nicht wirklich gelingen. Dann lief er emsig in den Bahnhofsshop, sie sah, wie er an der Kasse drei kleine Fläschchen mit harten Spirituosen erwarb. Es war ihm nicht peinlich, eines dieser Fläschchen sofort nach Bezahlung aufzuschrauben und hinunterzukippen, die leere Flasche ließ er an der Kasse liegen. Dann stürzte er nach draußen.
„Ich hab dich sofort wiedererkannt“, nölte Sonnenscheinchen alias Stefan, sein Mund blieb offen stehen und sie wich automatisch zurück. Er roch wie ein alter Aschenbecker, in den gerade eine Flasche Bier gekippt wurde, deren Haltbarkeitsdatum seit mindestens zwei Jahren abgelaufen war. Das einzige Frische war der Schnaps, den er sich gerade reingezogen hatte. „So geil, dich wiederzusehen, so geil! Boah, siehst du gut aus! Krass!“
„Wer bist du?“, log sie, drehte sich angewidert um 180 Grad und rannte los. Schnell weg, raus aus dem Bahnhofsgebäude. Sie drehte sich nicht um, aber sie hatte nicht das Gefühl, dass er ihr folgte. Draußen regnete es und das war auch gut so. Wenn jetzt die Sonne geschienen hätte, das wäre furchtbar. Eine Frau kam ihr entgegen, sie sah aus wie die, wegen der ihr Mann sie verlassen hatte, sie beachtete sie nicht. Hass stieg auf. Ohne nachzudenken, schüttete sie ihr die warme Cola ins Gesicht. Jetzt beachtete die Frau sie. Vor warmer Cola triefend starrte sie sie hasserfüllt an.
„Was soll das?“, stieß sie empört hervor. „Wohl nicht ganz dicht?“
„Nein, nicht ganz dicht“, stammelte sie.
Die Frau starrte sie noch mal kurz kopfschüttelnd an, dann eilte sie im strömenden Regen davon. Sie wunderte sich. Was war das denn? War sie jetzt blöde geworden, kaum dass ihre Sonne aufgehört hatte zu scheinen? Grundgütiger, vielleicht würde diese arme Frau jetzt ein lebenslanges Trauma haben, nur weil ihr eine wildfremde Frau am Bahnhof eine warme Cola ins Gesicht geschüttet hat, ohne Vorwarnung, ohne Grund. Na gut, eigentlich war das auch egal. Sie ging nach Hause und löschte ihre Social-Media-Accounts.