Wacken Open Air 2009

Wacken Open Air 2009Am Ende steht die Vorfreude
Wacken ist ein Mythos, der spätestens seit dem Kinofilm “Full Metal Village” auch über den großen Kreis der Freunde der Stromgitarrenmusik hinaus bekannt ist. Und wir wissen, dass mindestens zwei Periplanetaner dieser großen Anziehungskraft des kleinen Dorfes regelmäßig einmal im Jahr folgen- zum größten Heavy Metal Festival Europas. Kai Kellermann (Foto), einstiger Quotenmetaller der Subkultur Redaktion, war wieder mit dabei. Es folgt ein Bericht darüber, woran er sich noch erinnern kann …

Endlich ist es wieder soweit. Die Zeit des Wartens hat ein Ende und das 20. Wacken Open Air, dem derzeit größten Heavy Metal Festival des Globus, steht vor der Türe. Die Vorfreude auf diesen Event, bei dem über 80 Bands ihr Können zum Bsten geben, ist unfassbar. Da machen einem die vielen Stunden der Anfahrt auch gar nichts mehr aus und als wir die Ortseinfahrt passieren, müssen wir uns wundern, wie leer doch die Straßen sind. Später sollen wir von einem Anwohner erfahren, dass die Hauptanreise mittlerweile schon auf den Montag fällt, manche kommen sogar schon Sonntagabend in dem kleinen Örtchen nahe Itzehoe an, um ihre Zelte aufzuschlagen. Heute ist es Mittwoch, da sind die meisten der insgesamt 75.000 Besucher bereits kräftig am Feiern und auch das Veranstaltungsprogramm hat bereits begonnen.

Das Dorf in einer Stadt

Nachdem auch wir unsere Zelte aufgeschlagen haben geht es erst einmal auf Erkundungstour. Schließlich will man ja wissen, was es heuer für Neuerungen gibt. Es grenzt wirklich an Wahnsinn, was dem Metalhead an diesem ersten Augustwochenende alles geboten wird. Der Metalmarket, wo alles rund ums Thema Heavy Metal erworben werden kann, scheint noch weiter ausgedehnt worden zu sein, auch das Festivalgelände selbst hat offenbar eine Erweiterung erfahren. Neu eingerichtet wurde auf einer Fläche von zwei Hektar die so genannte Medieval Action Area mit eigener Bühne, einer Bar in Form eines Wikinger-Drakkars, einem Wikingerdorf mit Verkaufsständen, einem Ritterlager, einem Fußballfeld und Flächen für Highlandgames und Live-Rollenspiele, mittelalterliche Wettkämpfe sowie ein Zelt, in dem Wrestling-Kämpfe besucht werden können. Darüber hinaus warten außerhalb des eigentlichen Festivalgeländes mit den Hauptbühnen auch noch der Bayerische Biergarten mit eigener Bühne, das Freiluftkino, ein Supermarkt, eine Jägermeisterbar in luftigen 50 Metern Höhe und vieles mehr auf den Besucher. Da geraten die musikalischen Vorführungen glatt zur Nebensache.

Für Außenstehende mögen die scheinbar endlosen Campingplatzflächen ebenfalls eine kleine Attraktion darstellen. Um den Überblick zu behalten, wurden den Erschließungswegen sogar metallische Straßennamen, wie etwa Nightwish Boulevard oder Grave Digger Gasse verliehen. Hier bekommt das Grauen ein Gesicht, ein betrunkenes, um genau zu sein. Und der Besucher wird Zeuge aller Stadien der Entmenschlichung. Der Einfallsreichtum der Camper scheint keine Grenzen zu kennen, wenn es darum geht, sich auf möglichst spektakuläre Weise die Zeit zu vertreiben, wobei eine stetig steigende Alkoholisierung als angenehmer Nebeneffekt stets geduldet oder gar angestrebt wird. Grausig geht es dabei in manchen Vierteln zu, so grausig, dass sogar der Schweinegrippevirus einen großen Bogen um das Gelände macht. Wie uns die Veranstalter am letzten Tag berichten werden, kann bis zu letzt kein Grippefall von den Sanitätern ausgemacht werden.

Am Mittwochabend ist das gesamte Gelände bereits hoffnungslos übervölkert und ins Zelt der W.E.T.-Stage, wo ab 17:00 Uhr schon die ersten Bands auftreten, ist kein Hineinkommen mehr, die Menschenmassen stehen bereits bis ins Freie. So führt uns unser Weg in die Hauptstraße der Ortschaft Wacken, wo man jenseits des großen Trubels auch seinen Spaß haben kann. Ein Essens- und Getränkestand reiht sich hier an den nächsten. Auch die Anwohner haben in ihren Vorgärten Pavillons und Bierbänke aufgestellt und betätigen sich als Schankwirt oder Grillmeister. Zu sehr günstigen Preisen kann man sich hier verpflegen und gemütlich mit den Anwohnern plaudern oder besser noch: schnacken, wie der Norddeutsche sagt. Auch die Wackener freuen sich auf diesen Event, denn einmal im Jahr wächst für eine Woche eine ganze Stadt um die kleine Ortschaft, in der an den restlichen 360 Tagen des Jahres nicht allzu viel los sein dürfte. Nach diesem Abstecher geht’s zurück aufs Festival. „Flight 666“, der neue Iron Maiden-Film läuft gerade auf der Kino-Leinwand und im Anschluss wartet auf den einen oder anderen auch noch das Partyzelt, wo zusammen mit den Spaßmachern Onkel Tom und Mambo Kurt bis in die Morgenstunden gefeiert wird. (D)

A Night To Remember

Den Donnerstag kann man bekanntlich etwas ruhiger angehen lassen. Mein Bruder und ich nutzen beispielsweise den Vormittag, um einen Bekannten im Ort zu besuchen, der sich jedes Jahr wieder freut, wenn wir mal bei ihm vorbei schauen. Später stürzen wir uns direkt ins mittelalterliche Treiben zu den Highlandgames, wo die ersten Freiwilligen aus dem Publikum schon unter der schweren Last großer Felsbrocken, die es auf einen Tisch zu heben gilt, ins Schwitzen geraten. Bis zu 110 kg bewältigen dabei manche Teilnehmer. Natürlich vergeht der Tag wieder wie im Flug und ab 16:00 Uhr beginnt auch schon das musikalische Programm auf den beiden Hauptbühnen.

Wie schon in den letzten Jahren läuft der Donnerstag wieder unter dem Motto „A Night To Remember“. Anlässlich des 20. Festivaljubiläums steht um 16:00 Uhr die Band SKYLINE auf der Black Stage. Skyline waren Headliner für das erste W:O:A im Jahre 1990 und kein geringerer als Festival-Chef Thomas Jensen steht auch heute wieder auf der Bühne und bedient den Bass. Unglaublich, was aus einem Event werden kann, der eigentlich mal aus purer Langeweile heraus initiiert worden ist. Für diesen Auftritt haben sich Skyline einiges an Verstärkung ins Boot geholt. So steht gleich zu beginn Metal-Queen Doro Pesch auf den Brettern und schmettert die eigens für das Festival geschriebene Hymne „We Are The Metalheads“ hernieder. Auch Eric Fish von Subway To Sally schaut mit seinem Dudelsack vorbei. Zwischenzeitig treiben die sexy Fuel Girls ihr Unwesen auf der Bühne. Am Ende hat auch Onkel Tom Angelripper einen eigenen Wackensong im Gepäck.

Schandmaul

Der Blick zurück in vergangene Zeiten ist ein großes Thema dieses Jahr in Wacken und so leisten auch einige Künstler der mittelalterlichen Schublade ihren musikalischen Beitrag. Die kleine Bühne in der Medieval Action Area wird jeden Tag als Podium verhältnismäßig junger Künstler aus dem Genre mittelalterlicher Rockmusik genutzt. Auf den Hauptbühnen vertreten Veteranen wie IN EXTREMO, SUBWAY TO SALLY und die Münchener Folkrocker SCHANDMAUL dieses Genre. Letzt genannte betreten schon am Donnerstag um 17:00 Uhr die Black Stage, eine der beiden großen Hauptbühnen, und zeigen, was sie live auf dem Kasten haben. Wie das Wetter ist auch die Stimmung im Publikum hervorragend. Es dauert nicht lange und schon muss man die ersten Crowdsurfer auf ihrem Weg in Richtung Bühne über seinen Kopf befördern. Neben den vielen Gassenhauern der Spielleute sind es vor allem die beiden attraktiven Musikerinnen Birgit und Anna, die, ständig mit anderen mittelalterlichen Instrumenten bewaffnet, unermüdlich über die Bühne wirbeln und so das Publikum weiter anheizen.

Unglaubliche Menschmassen zieht der ehemalige Böhse Onkelz Frontmann Stephan Weidner mit seinem neuen Projekt DER W. im Anschluss vor Bühne. In der 75-minütigen Show durchlebt der Hörer alle Höhen und Tiefen von Weidners aktuellem Album – Gänsehaut ist spätestens dann garantiert, wenn der W. Unterstützung von einem Streicher-Ensemble erhält.

Selten hat der Donnerstagabend die Bezeichnung A Night To Remember mehr verdient als an diesem Tag. Kapitän Rock’n´Rolf von einem der ältesten deutschen Heavy metal Flagschiffe RUNNING WILD hat sich dazu entschieden, ein letztes Mal in die Taktlage zu klettern und die Segel für eine letzte große Fahrt zu raffen. Die Setlist durften im Vorfeld die Fans via Internet-Voting bestimmen, und so ist es garantiert, dass ein Gros der vielen Klassiker aus über 30 Jahren bandgeschichte aus den Boxen schallt. Leider setzt gegen Ende des Gigs ein lästiger Landregen ein, doch der kann die feierliche Stimmung vor der Bühne nicht beeinflussen – ein wahrhaft denkwürdiges Ereignis.

Etwa zeitgleich treten auf der Party Stage die Italienischen Rockstars LACUNA COIL und versüßen mit Frontdame Cristina Scabbia – wie immer eine Augenweide – für manch einen Metalhead den Abend. Und da soll noch einmal einer sagen, Metal wär ne reine Männerdomäne! Allein in Wacken spielen heuer mit Lacuna Coil, Tristania, Epica, Eths und natürlich der Metal Queen Doro Pesch zahlreiche Vertreter des so genannten Femal Fronted Metal.

Zum Glück hat es nun wieder aufgehört zu regnen und so stehe ich pünktlich um 22:45 Uhr wieder in trockenen Klamotten vor der True Metal Stage in freudiger Erwartung der Herren von HEAVEN AND HELL. Benannt nach dem ersten Black Sabbath-Album aus dem Jahre 1980 mit Sänger Ronnie James Dio zeigen Gitarrengott Tony Iommi, Bassist Geezer Butler und Drummer Vinny Appice, dass sie nichts aber auch gar nicht verlernt haben. Im Gegenteil! Dermaßen virtuos an den Instrumenten und theatralisch-ausdrucksstark erlebt man selten eine Band, und das in dem Alter. Natürlich mit perfektem Sound ausgestattet verzaubern die Amerikaner sowohl mit älteren Stücken aus der Black Sabbath Aera, als auch mit aktuellen Songs nicht nur die alten Fans, sondern sicher die gesamte, vor der Bühne versammelte Wacken-Jünger-Gemeinde.

Zu später Stunde wird es im Partyzelt noch einmal so richtig heiß, denn die FUEL GIRLS, ein professionelles Stropperinnenquartett aus England, legen eine ordentliche Show auf die Bretter, die natürlich das männliche Publikum in Scharen vor die Bühne pilgern lässt. Die Hüllen fallen, Milch und Whiskey werden über nackte Körper entleert und zum Schluss wird auch noch ein männlicher Besucher von den Damen „erzogen“. Ein netter Muntermacher zu dieser späten Stunde.

Freitag

Über Nacht hat der Regen das Festivalgelände in einen großen Sumpf verwandelt, das Wetter zeigt sich heute durchwachsen, doch bleiben weitere Regenfälle glücklicherweise aus. Pünktlich um 11:00 Uhr morgens kämpfen wir uns durch den schwarzen Schlamm in Richtung Black Stage, wo die Norweger VREID mit ihrer Mischung aus Black Metal und Rock `n´ Roll sowie lauter Böllerschüsse das verkaterte Publikum erstmal zu neuem Leben erwecken. Wem das zu hart ist, der kann sich zeitgleich natürlich auch für die Pagan Metalband SUIDAKRA oder kurz darauf für die Altrocker von UFO entscheiden.

Es ist kurz nach zwei und eigentlich sollte ich jetzt GAMMA RAY hören, damit ich euch berichten kann, wie das Publikum von dieser gut gelaunten Truppe unterhalten wird. Allerdings habe ich das Privileg, mit dem Jägermeister-Kran circa 50 Meter über das Wacken Open Air gehoben zu werden. Da müssen Herr Hansen & Co schon mal zurückstecken. Andererseits, so ein bisschen was wird man doch bestimmt auch in luftiger Höhe mitbekommen. Also los geht’s, nachdem die Teilnehmer von den durchaus hübschen Damen am Jägermeister-Stand fachgerecht untergebracht oder an den Stühlen festgebunden wurde (alleine das ist schon ein Erlebnis), schwingt sich die Bar empor, um uns einen umwerfenden Blick auf das Festivalgelände zu erlauben. Während ich den einen oder anderen eisgekühlten Jägermeister serviert bekomme, kann ich sogar wunderbar den Auftritt von Gamma Ray verfolgen, nur eben aus einer etwas anderen Perspektive.
Zurück auf festem Boden geht es geradewegs zur Black Stage. Mit der maskulinen Sängerin Candace Kucsulain  besitzen die Detroiter WALLS OF JERICHO doch einen gewissen Exotenstatus im weiten Meer des Metalcore. Die durchtrainierte und von Kopf bis Fuß tätowierte Frontdame macht es vor, springt zusammen mit ihren Kollegen unermüdlich auf der großen Bühne herum, während sie wild gestikulierend ins Mikro brüllt. So etwas steckt an! Bereits zum zweiten Song entbrennt im Publikum ein Circelpit mit geschätzten 30 Metern Durchmesser. In der folgenden Stunde Spielzeit gibt es nicht nur einmal die Wall Of Death zu bestaunen, kollektives Jumpen und Unmengen von Crowdsurfern gehören ebenso zum Programm. Doch Walls Of Jericho sind nicht die einzigen Vertreter des Momentan so beliebten Metalcore, einer Mixtur aus Death Metal und Hardcore – später am Tag stehen auch noch BRING ME THE HORIZON und die Shootingstars BULLET FOR MY VALENTINE auf dem Programm. Besonders letzt genannte ziehen mit Frauenschwarm Matt Tuck ungeahnte Massen vor die Bühne, die mit ihren Helden kräftig abfeiern.

Airbourne

Apropos abfeiern: die Australier AIRBOURNE sorgten schon auf dem Wacken Open Air 2008 für reichlich Zuschauerzuspruch. So war es eigentlich klar, dass man diese Band noch einmal holen musste, diesmal jedoch mit einem besseren Sendeplatz. Unglaublich, was diese Jungs auf die Bretter legen, das ausgestoßene Adrenalin ist fast mit Händen greifbar. Der ausgeflippte Frontmann Joel erklimmt während eines Songs sogar die Lichttraverse auf der linken Seite der Bühne bis ganz unters Dach, und das komplett ohne Sicherung. Oben angekommen, hängt er sich mit einem Bein ein und spielt mal eben so ein Solo, bevor er sich kurz abstützt und die Beine baumeln lässt. Die Menge tobt, während Joel langsam aber sicher wieder festen Boden unter seinen Füßen erreicht. Das nenn ich eine fette Portion Rock‘n‘Roll.

Auf einem heavy metal Fest darf natürlich auch der Thrash metal nicht fehlen! Heute ist es das Urgestein WHIPLASH, das die Bühne im Partyzelt zum Erbeben bringt und morgen können wir uns sogar auf Testament und Machine Head freuen.

Um 21:45 Uhr steht jedoch mal wieder der allseits bekannte kleine Mann mit dem Cowboyhut oben auf der true Metal Stage und richtet sich das Mikro in Stirnhöhe zu Recht. „We are MOTÖRHEAD and we play Rock `n´ Roll!” kündigt er sich und seine Mannen kurz an. Gesagt, getan! Un schon gehen Lemmy, Phil Campbell und Mikkey Dee gleich richtig in die Vollen. Mit 33 Jahren auf dem Buckel und 20 Langrillen im Gepäck sind Motörhead in der Lage, stets ein individuelles Programm zu liefern. Auch heute gibt es einen feinen Querschnitt durch ihre Discographie zu hören. Vor der Bühne geht´s mittlerweile richtig zur Sache, es wird geschoben und gedrängelt, sodass man von der aufziehenden Kälte nicht das Geringste mitbekommt. Schließlich erhält der gute Lemmy Gesellschaft von den heißen Fuel Girls, die leicht bekleidet das Feuer auf die Bühne bringen. Ja, das gefällt dem Bub dort oben und er kann sich das Grinsen nicht verkneifen. Danach ist erstmal Schluss. Doch selbstverständlich kehrt das Trio zur ultimativen Zugabe aus „Ace Of Spades“ und „Overkill“ noch einmal zurück. Das sind eben Motörhead und sie spielen… ihr wisst schon.

Auch IN FLAMES sind wieder mal zurück in Wacken. Ich weiß gar nicht, wie oft man die Jungs hier schon hat erleben dürfen, aber dem Zustrom im Festivalgelände nach haben die meisten Metalheads noch lange nicht genug von den alten Schweden. Ihre Wurzeln als melodische Death Metal Band haben die Schweden mittlerweile völlig hintr sich gelassen und spielen ausschließlich Titel ihrer letzten Alben. Dabei schein scheint die gesamte Bühne zu brennen. Feuerfontänen stoßen aus allen Richtungen gegen die Musiker, sogar an den gegenüberliegenden Techniktürmen werden riesige Flammenwerfer in Gang gesetzt, den Nachthimmel illuminiert ein opulentes Feuerwerk – was für ein Spektakel. Das Festivalgelände platzt aus allen Nähten! Diesen Gig haben sich bestimmt 50.000 Fans angesehen.

Da wir schon vonm Female Fronted Metal gesprochen hatten:  DORO PESCH, die Metal-Queen, ist quasi die Mutter aller heutigen Kapellen mit schöner Sängerin an ihrer Spitze. Ihre Fans müssen dieses Jahr einiges an Stehvermögen mitbringen, denn unsere Lieblingsblondine entert erst kurz vor ein Uhr nachts die Bühne. Aber dafür weiß die in schwarzem Leder gekleidete Metal-Queen genau, was die Fans hier in Wacken von ihr hören wollen, und beginnt ihren Auftritt dementsprechend mit einem Feuerwerk an alten Warlock-Klassikern und aktuellen Songs. Begleitet von abertausenden Stimmen beschließt die Queen ihren Auftritt mit dem obligatorischen “All We Are”.

Jeder kennst sie, jeder liebt und manchmal hat man das Gefühl, sie spielen an jeder Straßenecke – wenn´s sein muss für ein Butterbrot und `nen Humpen Met, Hauptsache nur sie können spielen. Klar, die Rede ist von Jedermanns Lieblingswikinger AMON AMARTH, die heute als letzte Band die Bretter der Black Stage zum Beben bringen sollen. Leider kommt es dann doch anders, denn der Sound ist eine wahre Katastrophe, für die die Musiker natürlich nichts können. Außer den Bassdrums ist quasi kaum was zu verstehen. Der Gesang kann von den Technikern zwar noch verbessert werden, aber die Gitarrenarbeit bleibt ein einziger dumpfer und ausgesprochen leiser Brei. Sehr schade! Denn Johann Hegg und Konsorten haben extra ihr großes Wikingerschiff mitgebracht und im Set reiht sich ein wahrer Klassiker an den nächsten. Als die Bässe der Zugabe „Death In Fire“ über die Felder dröhnen bin ich bereits am Zelt. Sinnlos erschien es, diesem Trauerspiel bis zum Ende beizuwohnen. (D)

Zeitgleich, es ist es schon zwei Uhr morgens, betreten ASP die Party Stage. Aber der Gothic-Fan wird zu dieser Stunde ja eh erst richtig munter. So ist der Platz davor noch mehr als ordentlich gefüllt und die Wartenden feiern einen jeden Song ab. „Wir wollen brennen“-Rufe zitieren die Musiker nach kurzer Pause zurück auf die Bühne. Mit einem geflüsterten „Das wollen wir auch“ gibt es dann zum Abschluss noch das Geforderte Stück, bevor die Fans nun endgültig in die Nacht entlassen werden.

Und diese ist heute sternenklar, die Temperaturen fallen tief und unterschreiten sogar die 10°C-Marke. Damit muss man rechnen im hohen Norden. Nur langsam will die letzte Halbe Dosenbier, die mittlerweile ebenfalls wieder Kühlschranktemperatur erreicht hat, die Kehle hinunter rinnen. Nachmittags setzt man alles daran, den Stoff halbwegs kühl zu lagern, jetzt hätte man nichts dagegen einzuwenden, wenn die Plörre den einen oder anderen Grad höher temperiert wäre. Aber so ist das eben. Der erste Tag hatte verdammt viel zu bieten, freuen wir uns auf das, was noch kommen mag. Prost!

Samstag

Zurück im Geschehen, ist es doch immer wieder ein Genuss der etwas anderen Art, dem Spielzug der freiwilligen Feuerwehr Wacken, kurz WACKEN FIREFIGHTERS benannt, zu lauschen. Im Biergarten haben sich zahlreiche Fans eingefunden, um zusammen mit der Kapelle einfach alles zu geben. Da wird gebangt und gemosht oder auch mal eben eine Polonaise gestartet. Immer wieder schön zu sehen, wie Fans mit „God Hates Us All“-Tattoos zu „Rosamunde“ abgehen können.

Nicht nur das W:O:A hat ein Jubiläum zu feiern, sondern auch das deutsche Heavy Metal Urgestein RAGE. Zu diesem Zweck hat sich Bandchef Peavy Wagner Verstärkung geholt: Blind Guardian Sänger Hansi Kürsch, Destruction-Frontmann Schmier und Eric Fish von Subway To Sally unterstützen die band bei ihrer reise durch die eigenen Discografie, bei der leider Gottes doch so manch großer Klassiker der Bandgeschichte unter den Tisch gefallen ist. Dafür gibt es Titel aus den Anfangstagen der band zu hören, die bestimmt scho 10 Jahre lang den Weg durch die PA nicht mehr gefunden hatten.

Schlammschlacht

Das Gelände ist mittlerweile wieder gut abgetrocknet, lediglich im Bereich der Toilettenwägen und Dixi-Parks halten sich hartnäckig einige große Schlammkloaken, was wohl am ständigen Zufluss liegen dürfte. Dass genau in diesen Pützen, deren  Zusammensetzung am besten gar nicht erst analysiert werden sollte, regelmäßige Schlammschlachten betrunkener Festivalbesucher stattfinden, ist für den Normalsterblichen zwar alles andere als nachvollziehbar, sorgt im Allgemeinen aber doch für Erheiterung, was man an der großen Zahl der Schaulisten während solcher Entartungen zu sehen ist.

Es ist 15:30 Uhr und das Thermometer ist auf ca. 30 °C geklettert, als mit TESTAMENT eine der großen Thrash-Metal-Institutionen aus der Gründungszeit diese Genres auf die True Metal Stage marschiert. Mit höllischer Lautstärke und einem mörderischen Dampfwalzen-Sound dröhnen sogleich die ersten Noten aus den Boxen. So dauert es trotz der Bullenhitze nicht lange und schon kann sich der erste Moshpit vor der Bühne etablieren. Bei diesem Gig haben wirklich alle ihren Spaß!  Und heftig geht’s gleich weiter. Wesentlich jünger sind die vielen Fans, die nun vor der Black Stage auf ihre Helden von HEAVEN SHALL BURN warten. Zweifelsohne gehören diese Jungs zu den Musikern der Stunde und ziehen mit ihrem Deathcore Unmengen von Menschen an, wo auch immer sie auftreten. Mit dem grandiosen Opener vom letzten Album „Endzeit“ wird der nun folgende Wahnsinn eingeläutet. Schon bricht vor der Bühne die Hölle los und erste Circle-Pits wirbeln mächtig Staub auf. Bald entsteht die erste große Wall Of Death und im Anschluss fordert Sänger Marcus Bischhoff die Meute auf, den großen Circle-Pit-Rekord von 2007 zu brechen. Rennen ist nun angesagt, und zwar im Kreis und um den Technikturm herum, womit der Pit einen Durchmesser von ca. 50 Metern erreicht haben dürfte. Wahnsinn! Ein Meer von Crowdsurfern geht anschließend in Wogen auf die Securitys im Graben hernieder. Nach dem letzetn Song springt Bischhoff selbst mit weitem Hechter in die Massen und lässt sich tragen. Wie schon gesagt – Wahnsinn!

Nachdem diesem Spektakel geht es auf der True Metal Stage erstmal etwas ruhiger zur Sache. Mr. AXEL RUDI PELL sorgt mit sanftem Heavy Rock, manch einer Ballade und ellenlangen Instrumentaleinlagen erstmal für Gelassenheit.

Ein weiteres kleines Highlight des Festivals kann um 19:15 Uhr auf der Party Stage erlebt werden. Mit seinem Elektro-Projekt PAIN zündet Peter Tätgren auf dem diesjährigen W:O:A Feuerwerk, das Seinesgleichen sucht. Schon der Opener wird umrahmt von Feuerfontänen und akustisch begleitet von lauten Kanonenschlägen. Insgesamt ein echtes Best-of-Programm versetzt die zahlreich erschienenen Fans während der folgenden Stunde in Ekstase, und das trotz der Konkurrenz namens In Extremo auf der Black Stage.

VOLBEAT aus Dänemark zählen wohl unumstritten zu einer der besten Livebands dieser Zeit. Der steile Aufstieg der Jungs sorgt jedenfalls für ordentlichen Andrang vor der True Metal Stage. Und kaum erklingen die ersten Takte zu „Guitar Gangsters & Cadillac Blood“, schon ist für die meisten Fans kein Halten mehr. Es wird getanzt und gemosht, wenn nicht gerade einer der zahlreichen Crowdsurfer vorbei gereicht werden muss. Kein Zweifel, Volbeat treten 2009 Presleys Erbe an – the King is alive!

Viel Zeit zum Verschnaufen bleibt nun nicht. Denn schon 15 Minuten später steht der nächste Kracher auf der benachbarten Black Stage. Und eines muss man hier klar feststellen: MACHINE HEAD kommen, spielen und walzen erst mal gepflegt alles und jeden nieder. Unglaublich! Was für ein intensiver Gig! Die Bühne ist in atmosphärisches Rot getaucht, als die ersten Klänge des Intros vom Band kommen. Der Platz vor der Black Stage ist proppenvoll, als unter tosendem Beifall Machine Head die Bühne entern. Von der ersten Sekunde bis zum letzten Ton geben Robb Flynn und seine Mannen ordentlich Vollgas. Das Adrenalin, das bei diesem Gig freigesetzt wird, ist fast schon mit Händen greifbar. Während die Fans noch einmal alles geben, führt die Setlist durch die gesamte Bandgeschichte. Und selbst als Machine Head ruhigere Töne anschlagen, knistert es überall. Der Aufforderung, einen riesigen Moshpit zu gestalten, und das nach drei Tagen Festival, kommen Hunderte ihrer Anhänger umgehend nach. Zwar erreicht der Pit nicht mehr die Ausmaße, die Heaven Shall Burn zustande brachten, doch Robb bedankt sich für sechs (!!!) große Pits vor der Bühne. Da bleibt ihm nichts weiter als „Wow!“ zu sagen. Machine Head lassen sich zu recht noch einmal ausgiebig feiern und hinterlassen das Gefühl, Teil von etwas ganz besonderem geworden zu sein.

Crowdsurfer

Wenn das Wacken Open Air schon ein Jubiläum feiert, dann müssen natürlich auch SAXON mit von der Partie sein. Schließlich haben die Briten 1992, also im dritten Jahr, als erster internationaler Gast mit großem Namen dem Festival zu Sprung auf eine höhere Ebene verholfen. Seitdem spielen sie schätzungsweise jedes zweite Jahr in Wacken und auch wenn sie einmal nicht im Billing stehen, kann´s gut und gerne passieren, dass sie plötzlich für ein paar Nummern auf die Bühne rumpeln. Dieses Jahr haben die Jungs um Frontmann Biff Byford darüber hinaus selbst etwas zu Feiern: 30 Jahre ist es her, als das Debütalbum „Saxon“ auf den Markt gebracht wurde. Im Vorfeld dieses Konzerts hatten die Fans die Möglichkeit, mittels Voting auf der Band-Seite im Netz die Setlist selbst zu bestimmen – von jedem Album wird nun jeweils mindestens eine Nummer gespielt und in den meisten Fällen ist die Wahl auch auf den jeweiligen Titeltrack gefallen. Bei Trommelfell zerreißender Lautstärke geraten die vorderen Reihen schnell in ein Schieben und Drängeln, bis jeder seinen Platz behaupten kann. Und dann kommen auch schon die Crowdsurfer. Zeitweise muss ich die Jungs im 20-Sekunden-Takt über den Schädel heben. Zum Klassiker „Wheels Of Steel“ lassen die Sachsen den Adler steigen. Mit der großen Rocker-Hymne „Denim & Leather“ findet ein denkwürdiges Konzert nach knapp zwei Stunden sein Ende.

Zum Schluss heißt es für die Security im Fotograben vor der Black Stage Regenkleidung anziehen, denn gleich kommt die Splattershow der Amis GWAR. Zu deftiem Thrash Metal werden Imitationen von Talkmaster Steve Wilkos, Michael Jackson, Hillary Clinton und zuletzt Barack Obama enthauptet oder verstümmelt. Das Kunstblut fließt dabei in Strömen oder spritzt in weiter Fontäne ins Publikum. Schnell hat die makabere Show ihren Reiz verloren, abgesehen davon haben GWAR auf musikalischer Ebene wirklich nicht besonders viel zu bieten.

Am Ende steht die Vorfreude

An der Bar

Schnell sind sie wieder vorüber, die Tage des Wacken Open Air. Nun kann der Countdown von vorn gestartet werden. Organisatorisch kann der Event, der im Großen und Ganzen ohne Pleiten, Pech und Pannen über die Bühne gegangen ist, einmal mehr als Meisterleistung betrachtet werden, die ohne ein Höchstmaß an Professionalität nicht zu erdenken ist.

Um dem großen Stau zu entgehen starten wir am Sonntag so früh wie möglich und bleiben natürlich trotzdem vor dem Elbtunnel im Verkehr stecken. Aber halb so wild. Zwei Stunden später soll dieser Stau 18 Kilometer betragen, da sind wir noch glimpflich davon gekommen. Obwohl die Tage in Wacken ordentlich schlauchen, ist man jedes Jahr wieder ein wenig traurig, wenn man sich auf der Heimreise befindet. Aber das Festival geht in die Nächste Runde. Nach gerade einmal 10 Stunden können die Veranstalter den Ausverkauf der ersten 10.000 Weihnachtstickets für 2010 vermelden. Metal will never die! Wacken will never die! Rain or Shine! Am Ende steht die Vorfreude auf das nächste Jahr.

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