Ein Leben auf der Straße

Christian Schmitz -

Interview mit Christian Schmitz.

Immer unterwegs, den Asphalt unterm Hintern und nichts als die Straße vor den Augen. Dabei lauter verrückte Fahrgäste aus allen Schichten unserer Gesellschaft. Das Leben eines Taxifahrers kann aufregender sein, als man denkt. Verrückte Geschichten aus seinem Leben als Taxifahrer erzählt Christian Schmitz nicht nur in seinem neuen Buch „Der Fuchsflüsterer vom Zeltinger Platz“, sondern auch im folgenden Interview. Wir sprachen über skurrile Fahrgäste und über das Taxifahren mit abgeschlossenem Studium.

Hallo Christian, du hast ja schon Einiges erlebt als Taxifahrer. Was war denn das Verrückteste, das dir jemals während einer Fahrt widerfahren ist?

Christian: Eine der verrücktesten Geschichten war sicherlich die des Finnen, der am Hauptbahnhof einstieg und von jetzt auf sofort einen Gebrauchtwagen kaufen wollte. Wir hatten viel Spaß miteinander, nicht zuletzt, weil wir einander vertrauten. Ich vertraute ihm, dass er mich am Ende bezahlen würde – es war eine große Tour kreuz und quer durch die ganze Stadt mit einem hohen Fahrpreis und es kann schon einmal vorkommen, dass ein Fahrgast den Taxifahrer darauf sitzenlässt – und er vertraute mir, als ich ihm unter vollem Einsatz von Gestik und Mimik davon abhielt, ein Auto mit abgelaufenem TÜV zu kaufen. Unter den skurrilen Fahrgästen sticht sicherlich auch die alte Dame heraus, die mich ausschimpfte, weil ich einen Fahrradfahrer nicht tot gefahren hatte, der zwischen parkenden Autos hervorgeschossen war, sodass ich scharf bremsen musste. Der hätte ihr den Abend verdorben, weswegen er ihrer Meinung nach des Todes würdig gewesen wäre.

Ich stehe ja auch auf einer Immatrikulationsliste der „Brotlosen Künste“, wie es im Klappentext deines Buches so schön heißt. Schon im ersten Semester wurde ich von allen Seiten gewarnt, dass ich später ja eh Taxifahrerin werden würde – wie kann ich mich denn auf diesen Job vorbereiten?

Christian: Du bist noch jung, das selbstfahrende Auto kommt und Taxifahrer sind eine aussterbende Zunft. Glaub an deine brotlose Kunst!

Dann zur Sicherheit: Welche Eigenschaften muss man generell als Taxifahrer mitbringen?

Christian: Gelassenheit! Gelassenheit ist wichtig im Umgang mit Fahrgästen, mit Verkehrsteilnehmern, mit Menschen schlechthin.

Wird man als Taxifahrer zwangsweise zum Misanthropen oder doch zum verständnisvollen Psychotherapeuten?

Christian: Ich bin und werde – hoffentlich – nie ein Menschenhasser. Sicherlich, mancher Fahrgast stellt mich auf eine harte Probe, das ist wahr. Für jeden von ihnen ein verständnisvoller Psychotherapeut zu sein, fällt nicht immer leicht. Aber aufs Große und Ganze gesehen ist mein Eindruck, dass der Mensch als solches so schlecht nicht ist.

Es ist erstaunlich, wie privat die Dinge sind, die deine Fahrgäste dir erzählen. Gibt es eigentlich so etwas wie eine unausgesprochene Verschwiegenheitserklärung zwischen Taxifahrer und Fahrgast?

Christian: Absolut! Neulich erst hatte ich eine Hausangestellte im Taxi, die wie ein Rohrspatz auf ihren Chef schimpfte – alles natürlich nur im Vertrauen: „Sie erzählen das nicht weiter, nicht wahr? Ich vertraue Ihnen.“ Wie es der Zufall wollte, hatte ich einige Zeit später ebenjenen Chef im Taxi und ich sah, wie der Hausangestellten alle Gesichtszüge entglitten, als sie mich sah. Aber sie konnte beruhigt sein. Ich war verschwiegen wie ein Grab.

Christian Schmitz- edition subkultur

Du fährst ja jetzt schon seit über zwanzig Jahren Taxi. Wie hat sich denn deine Kundschaft über die Jahre hin verändert?

Christian: Das betrifft vor allem Promis und Jugendliche. In den Achtzigern in West-Berlin habe ich nur eine Handvoll Promis gefahren. Und heutzutage? Ich kenne bald die halbe Welt. Und Jugendliche von heute müssen ein Geld in der Tasche haben! Oder sie gehen anders damit um als frühere Generationen. Auf jeden Fall fahren mittlerweile mehr Jugendliche Taxi als früher.

Vom Autositz zum Schreibtisch – das Schreiben ist dann ja doch eine ganz andere Tätigkeit. Wie war die Umstellung für dich?

Christian: Das Schreiben war nicht neu für mich, nur das Genre. Früher habe ich als Historiker wissenschaftliche Arbeiten verfasst. Gleichwohl wollte ich schon immer einen Roman schreiben. Schließlich hat tatsächlich der Klassiker unter den Sätzen der Fahrgäste „Na, Sie könnten doch ein Buch schreiben“ das Schreiben des Taxibuches ausgelöst. Ich hatte gemerkt, dass ich mit  meinen Geschichten manchen Fahrgast gut unterhalten konnte. Da habe ich gedacht: „Dann schreibst du halt ein Taxibuch.“

Hast du die Geschichten über einen langen Zeitraum gesammelt oder alles an einem Stück runtergeschrieben?

Christian: Beides. Ich mache mir immer eine kleine Notiz, wenn ich einen interessanten Fahrgast habe. Zu Hause kommt diese Notiz dann in ausführlicherer Form in eine Stichwortdatei, die nach verschiedenen Kriterien aufgebaut ist: gute Fahrgäste, schlechte Fahrgäste usw.

Ich bin ja eher ein stiller Fahrgast im Taxi – findest du das schlimm, beziehungsweise: Wann ist ein Fahrgast für dich zu still?

Christian: Wer sich nicht unterhalten möchte, muss es nicht. Zu still sind mir nur Paare, die sich nicht miteinander unterhalten. Dabei geht es mir nicht darum, andere Menschen zu belauschen. Aber wenn ein Ehepaar nach einer großen Feier auf einer langen Fahrt nach Hause kein einziges Wort miteinander wechselt, so empfinde ich das als äußerst merkwürdig. Ich mag auch nicht die Atmosphäre, die dann im Auto herrscht.

Wie fühlst du dich denn, wenn du selber mal Gast in einem Taxi bist?

Christian: In Berlin muss ich mir manchmal auf die Zunge beißen, mich nicht zu erkennen zu geben. Besonders wenn ich dem Kollegen dann aber auch noch den Weg haarklein beschreiben muss, er erkennbar keine Ahnung hat von dem, was er da gerade tut, fällt das nicht leicht. Im Ausland halte ich schon eher gerne mal einen Schwatz mit einem Kollegen, um vielleicht auf die Ähnlichkeiten oder Unterschiede hier und dort zu kommen. Am besten gefiel mir der Londoner Taxifahrer mit fünf Jahrzehnten Dienstzeit auf dem Buckel: ganz britischer Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, toll. Wenn ich auf meine Fahrgäste vielleicht auch ein wenig so wirken sollte, wie er auf mich, würde es mich freuen.

Vielen Dank für das Interview.

 

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