Disclaimer: Da das alles in den letzten Wochen doch unangenehmer und gefährlicher geworden ist, als erwartet, lasse ich in dieser zweiten Kolumne über Corona den schwarzen Humor mal schwarzen Humor sein und wende mich den wirklich wichtigen Dingen zu.


Gefangen in den Mühlen des Wahnsinns, zwischen dem autoritätshöriger Deutscher, die nach dem totalen Staat kreischen und jede Politikerin an den Pranger stellen wollen, die Denunziantentum nicht mit einem Bundesverdienstkreuz ehren möchte, einerseits, und dem jener Leute, die meinen, es handele sich nur um eine ungefährliche kleine Erkältung und wahlweise das Finanzkapital, die Juden oder die Echsenmenschen hätten sich verschworen, um ihre kleine klägliche Existenz, und zwar ganz genau ihre, aus persönlicher Abneigung gegen ihre „kritische Einstellung“ zu zerstören, andererseits … wo war ich? Genau, inmitten dieser Auswüchse und der allgemeinen Verunsicherung, gibt es Diskussionen um die Einführung eines totalen Überwachungsstaates, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Anstatt der bayerischen Polizei neben dem Einsatz von Handgranaten außerdem noch zu erlauben, jeden Einzelnen jeden Tag zu jeder Zeit lückenlos über sein Mobiltelefon zu überwachen, möchte ich mich dafür aussprechen, jetzt die wirklich dringenden Fragen der Menschheit anzugehen. Die Gesetzgebung sollte sich endlich den wahren Problemen annehmen. Es geht um ein Thema, ein Verbot, das seit Jahrzehnten überfällig ist: ein Verbot von Schlagermusik.
Warum genau jetzt, fragst Du? Weil Schlagermusik uns in genau diese Lage gebracht hat. Stell Dir mal vor, wie schön Du an diesem sonnig-warmen Frühsommerwochenende mit deinen Freunden im Park sitzen könntest, wenn Schlager nicht wären. Einerseits sind sie schuld, dass Du das nicht tun kannst, worauf ich gleich zurückkomme, andererseits ist dieses Zukunftsszenario sehr viel angenehmer, wenn man sich vorstellt, die Prolls auf der nächsten Parkbank könnten währenddessen nicht ihre Schlager im portablen Musikabspielgerät auf volle Lautstärke aufdrehen. Für die geistige Entwicklung schädliche Emissionen würden so stark zurückgehen! Wie John Lennon sagte: Imagine …

Jetzt noch einmal dazu, warum Du an diesem sonnig-warmen Frühsommerwochenende nicht ohne Lärmbelästigung mit Deinen Freunden im Park sitzen kannst. Weil der Staat oder die Echsenmenschen das verboten haben? – Falsch! Weil Schlager nicht verboten sind. Schon mal was von Ischgl gehört? Das ist ein Ort am Tor zur Hölle in den kapitalverwertenden Alpen, an dem sich eine bestimmte Spezies trifft: Schlagerfans. Wenn diese von einem Tag auf der Skipiste, an dem sie trotz vier Promille erstaunlicherweise nur einen Babyhasen totgefahren haben und mal kein Kleinkind, wenn sie von diesem Tag zurück in ihre Hotels kommen, dann gibt es nach dem hoffentlich stattfindenden Bad nur ein Ziel: die Après-Ski-Bar. So war das auch in diesem Jahr, wo feuchtfröhlich Körperflüssigkeiten, angereichert mit lecker Corona-Viren, ausgetauscht wurden, bis es zu spät war. Studien haben bewiesen, dass das Grölen von Schlagerhits eine um 43 % größere Gefahr von Tröpfcheninfektionen birgt, als ein gesittetes Gespräch über die Frankfurter Schule bei einem Glas Rotwein mit leiser Punkmusik im Hintergrund. Nachdem also fröhlich Körperflüssigkeiten getauscht wurden und schon mal für die Hölle der Christenmenschen geprobt wurde, für die sich diese selbstgeißelnden Schlagerfuzzis halten – ist das Höllenfeuer mit weggesoffenem und weggegröltem Schlagerhirn besser auszuhalten? –, danach haben sich alle fröhlich in alle Richtungen verteilt und sind durch halb Europa nach Hause gefahren. Auf ihrem Weg hinterließen sie schleimige Türknäufe und husteten ein paarmal durch das Autobahnrestaurant. Zu Hause angekommen, gingen sie dann mit oder ohne leichtes Fieber ins Großraumbüro, weil sonst kann man sich den Mallorca-Urlaub – mit Schlagern! – im Sommer ja nicht leisten. Und da hatten wir den Salat. Ansteckungen in ganz Europa. Und genau deshalb kannst Du jetzt nicht an diesem sonnig-warmen Frühsommerwochenende ohne Lärmbelästigung mit Deinen Freunden im Park sitzen.
Und es ist ja nicht so, als ob führende Vertreter der Branche das nicht geahnt hatten. Textzeilen wie „Atemlos durch die Nacht“ waren schon immer unerträglich. Vor dem Hintergrund des Umsichgreifens einer für manche arschgefährlichen Lungenkrankheit ist das sadistischer, menschenfeindlicher, sozialdarwinistischer Zynismus. Während minderbemittelte Unschuldige gedankenverloren „Atemlos durch die Nacht“ brüllten und dabei ihre Körperflüssigkeiten wie einen Regenbogen durch die Après-Ski-Hütte sprühten, stand Helene Fischer auf der Bühne und konnte zum ersten Mal seit Jahren lächeln, als es ihr wirklich danach war. Kein aufgesetztes Freundlichsein mehr, keine erzwungene Grinsekatzenfresse für die Presse. Schlagerstars werden die Menschen, die früher Henker oder Folterknechte geworden wären, was ihnen aufgrund einer kleinen Unannehmlichkeit namens Menschenrechte allerdings heutzutage verwehrt bleibt. UND NUR WEGEN SCHLAGERN KANN ICH JETZT AN DIESEM SONNIGEN UND WARMEN FRÜHSOMMERWOCHENENDE NICHT MIT MEINEN FREUNDEN OHNE LÄRMBELÄSTIGUNG IM PARK SITZEN!!!!11

Entschuldigung, die Isolation scheint mir ein wenig zuzusetzen. Wo war ich? Ach ja: Für ein Schlagerverbot jetzt! Dafür gibt es viele überzeugende Argumente: Ohne Schlager gäbe es keinen Après-Ski-Tourismus. Ohne Après-Ski-Tourismus hätten Après-Ski-Touristen das Virus nicht durch halb Europa getragen. Ohne den rituellen Konsum von Schlagermusik wären die Gehirne der Menschen nicht so dermaßen geschrumpft, dass sie sich jetzt um Klopapier prügeln. Und ohne Prügeleien, Lärmemissionen und Verblödung wäre die Welt doch wunderschön, oder nicht? Imagine there’s no Helen…