von Katja Angenent.

In den 80ern gab es diverse Neuerungen. Neben Neonfarben, Aerobic-Kursen und verstrahlten Pilzen aus Bayern erfasste die Musik die Neue Deutsche Welle. Heute gibt es auch eine Welle, und sie ist größer und mächtiger als jede Welle, die ich jemals erlebt habe. Ich nenne sie das Neue Deutsche Spießertum. Zuerst trat sie völlig harmlos auf, umspülte meine Füße und verließ mich wieder wie die gesichtslosen Menschen, die ich in der Fußgängerzone passierte. Doch dann wurde sie stärker, gewann an Macht und heute, ja heute steht mir das Wasser bis zum Hals. Und scheiße Mann, ich kann nicht schwimmen. Nicht in diesem Gewässer.
Heute sind die gesichtslosen Menschen überall, nicht nur in der Fußgängerzone. Alle tragen die gleichen Marken, trinken die gleichen Getränke und rauchen die gleichen Zigaretten. Aber das stimmt nicht, niemand raucht mehr, verdammt, Rauchen ist das neue Sitzen – oder war das umgekehrt? – und Fleisch essen ist auch gesellschaftlich geächtet. Wer hätte gedacht, dass es noch mal so kommt?

Ich nicht, und ich bin seit 13 Jahren Vegetarierin. Seit damals, als Vegetarier noch gedisst wurden. Da hieß es: „Wie, kein Fleisch? Was kannst Du denn da noch essen?“
Heute sagen die höflichen Bedienungen im Restaurant: „Natürlich haben wir auch vegane, vegetarische, laktosefreie und glutenfreie Speisen im Angebot. Warten sie kurz, ich bringe ihnen unsere Sonderkarte.“ Dass Fleisch nicht gut ist für das Tierwohl, den Planeten und unsere Gesundheit wissen heute alle. Eigentlich sollte ich mich über diese Entwicklung freuen, nur hat im Laufe der Zeit jemand vergessen, neben all den schlechten auch die guten Sachen zu beleuchten. Alles ist heute „schlimm“ oder „erschreckend“. Das stimmt ja auch. Ich sage nur ein Wort: PutinIrakTrumpBrexitKlimawandelDatenschutzAfghanistanDieselAFDUnfallgaffer-Skandal.
Aber die Reaktion ist die Falsche! Die Menschen ziehen den Kopf ein. Alle sind pausenlos damit beschäftigt, sich anzupassen an das neue deutsche Spießertum. Kollektives NDS-Syndrom.
Weil die Probleme so vielschichtig sind, das eine Demo alleine nicht mehr ausreicht. Zeitschriften wie die Landlust feiern Rekordauflagen, ablenkende Filme und Serien werden gestreamt, weil sich den so hohen Konsum beim besten Willen niemand kaufen kann, das könnte sich keiner leisten. Ikea und Hans im Glück expandieren fröhlich weiter. Angela Merkel ist seit wie vielen Jahren Bundeskanzlerin?
Das ist die Neue Deutsche Gleichgültigkeit. Warum? Weil die Leute es gerne gemütlich haben. Sie ruhen sich auf dem aus, was sie vor zwanzig Jahren erreicht haben. Zuhause ist das neue Fernweh, und die Geburt der eigenen Kinder ersetzt eine Rebellion, die niemals stattgefunden hat.
Unglück ist das, was den anderen passiert. Geld ist vorhanden, und zwar reichlich. Wir haben Arbeitslosenzahlen, die sind so niedrig wie seit Schröders Zeiten nicht mehr, die Wirtschaft brummt. Aber über diesem Aufschwung liegt eine diffuse Angst: Wir alle wissen, dass der Klimawandel Realität ist. Die Flüchtlingsströme nach Europa reißen nicht ab und der Regenwald wird in einem unvorstellbarem Ausmaß abgeholzt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Realität uns einholt. Aber bis dahin sitzen wir am liebsten zu Hause und tun so, als wäre die Welt noch in Ordnung. „Guck mal, ich habe einen Hefezopf gebacken!“
Wir diskutieren über die Frauenquote und die Mülltrennung, weil wir daran ja eh nichts ändern können. Hauptsache, unsere Klamotten entsprechen der neuesten Mode. Aber bloß nichts zu extravagantes.
Dabei wäre jetzt die Zeit zum Handeln. Oder zum Protestieren. Wir tun nichts, und das kultivieren wir auf immer mehr Kreuzfahrten. Die Titanic als Vorbild: Wenn schon untergehen, dann bitte stilecht. Wofür hätten wir denn sonst gelebt?
Die Meere ersticken in Plastik, aber Müll vermeide ich nicht, wie soll denn da der einzelne … Und das Recycling-Klopapier kratzt so, das kann ich wirklich nicht verwenden, nein, noch nicht einmal, um mir damit tatsächlich den Hintern abzuwischen. Da müsste die Politik – Moment, wer genau?
Also lautet die Parole: Augen zu und durch. Und weil es nur schlimmer werden kann, wollen wir nichts abgeben von unserem Wohlstand. So ein neuer SUV ist halt auch teurer als die Kleinwagen von früher. Ich frage mich nur, wie bei dem Wahnsinn Menschen noch Kinder in die Welt setzen können.
Es ist dringend Zeit für die nächste Revolution.
Warum macht denn keiner was? Es kämen bestimmt total viele Leute und würden zugucken.